Musik und Kunst in Hamburg
Zum 19. Mal ging das MS Dockville Festival 2026 am vergangenen Wochenende in die nächste Runde. Zirka 50.000 Besucher*innen tanzten und feierten am Freitag und Samstag auf dem MS-Artville-Gelände. Erstmalig fand das Festival dieses Jahr nämlich nur noch zweitägig statt. Die Info dazu gab es schon letztes Jahr und als Grund wurde unter anderem die angespannte Situation der Musikbranche genannt.
Umso schöner zu sehen, dass das Festivalgelände auch in diesem Jahr wieder gut gefüllt war und die Besucher*innen der Hitze getrotzt haben. Das verwinkelte Gelände mit vielen Bäumen und kleineren Waldabschnitten bietet aber zum Glück abseits der großen Bühnen viele schattige Plätze zum Verweilen. Sowieso ist das Gelände selbst schon eines der Highlights des Festivals: Direkt an der Elbe, Hafen-Vibes, aber trotzdem viel Grün. Das ist zumindest in meiner bisherigen Festivalerfahrung absolut einzigartig.
Die Anreise zum Gelände wird mit den Öffis oder dem Rad empfohlen. Das schont die Umwelt und außerdem sind Parkplätze am Gelände sowieso spärlich gesät. Ich bin am Freitag mit dem Rad gefahren, da sind es ab dem Überqueren der Elbe durch den alten Elbtunnel noch etwa 20 Minuten und es gibt direkt am Gelände einen Fahrradparkplatz. Außerdem wurde sogar eine StadtRAD-Station direkt vor Ort aufgestellt. Am Samstag ging es mit der S-Bahn zum Gelände. Da sind es vom Hauptbahnhof ca. 20 Minuten nach Wilhelmsburg. Von dort aus läuft man dann noch mal eine halbe Stunde durch den Wilhelmsburger Inselpark zum Gelände oder man nimmt einen Bus. Alles super easy, auch ohne Auto.
Sommer, Sonne, ganz viel Glitzer
Bei super entspannten 35 Grad ging es für mich am Freitagnachmittag bei Deki Alem los. Bevor das schwedische Duo überhaupt die Bühne erklommen hatte, vibrierte schon der Bass übers gesamte Gelände und vermutlich noch weit darüber hinaus. So hat es sich zumindest von der ersten Reihe aus angefühlt. Trotz praller Sonne wurde vor der Bühne ordentlich getanzt. Der Mix aus Drum and Bass, Dance und Rap ballert live einfach noch mal krasser. Direkt im Anschluss ging es rüber zur Mainstage zu Zimmer90, komplettes Kontrastprogramm zu Deki Alem, aber mit ihren sommerlichen Vibes und guter Laune perfekt für den sonnigen Festivalfreitag.
Danach auf der Mainstage: Die Formation Blond. Beim ersten Song gab es einige Soundprobleme, danach mussten sie mit der Ansage: „Wir sind die erste Band auf dem Dockville, die die PA zerrockt hat“ noch mal von der Bühne. Fünf Minuten später ging es aber zum Glück direkt ohne Probleme weiter und das Gelände ist kurz darauf in einer riesigen Staubwolke aus Moshpits verschwunden.
Der krönende Abschluss danach war dann Headliner Berq, der mit gewohnter Emotionalität das Publikum mitgerissen hat. Oder … war das wirklich schon der Abschluss? War es nicht! Auf dem Festivalgelände wurde schon viel gemunkelt über den Tag hinweg, wer denn der Surprise Act sein könnte. Nach einem 20-minütigen Countdown stand niemand Geringeres als Paula Hartmann auf der Bühne. Nach längerer Pause also erstmalig wieder auf der Bühne – die Überraschung war geglückt und die Stimmung im Publikum ausgelassen. Ein schöner Ausklang für den ersten Festivaltag.
Erkundungstour über das Festivalgelände
Am Samstag war mein vermutliches Highlight schon von Anfang an klar und hat sich auch im Nachgang bestätigt – Paris Paloma auf der Mainstage. Jeder ihrer Songs ein Statement: Für Feminismus und Gleichberechtigung oder gegen KI. Ihre eloquente Art, sich auszudrücken, sorgt für Gänsehaut sowohl während als auch zwischen den Songs. Da wurde sicher auch die ein oder andere Träne verdrückt (mindestens von mir).
Ansonsten haben wir uns am Samstag einfach treiben lassen und haben viel das Festivalgelände erkundet. Gerade auf der Vorschot-Bühne war aber den ganzen Tag Party angesagt und dort hat es uns auch immer wieder hingezogen: Erst mit Baran Kok, kurz darauf mit Mariybu und im Anschluss mit Bibiza. Ich komme mir ein bisschen alt vor, das zu schreiben, aber vor allem Bibizas Cover von Liquidos „Narcotic“ hat mich richtig gefreut. Ewig nicht gehört und immer noch so ein Banger.
Auch samstags wurden wir trotz eher bewölktem Tag abends mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt, während die mal grungigen, mal folkigen Klänge von Wolf Alice übers Festivalgelände tönten. Ein Traum.
Danach wurde es dann wieder elektronischer bei Noga Erez. Diese hatte sogar noch einen nagelneuen Song fürs Dockville im Gepäck, auch hier wurde vor der Bühne ausgelassen getanzt. Und nur zufällig reingestolpert, aber sofort überzeugt, war ich im Anschluss von Tukan. Ein Mix aus Techno, Jazz und Post-Rock, alles live und instrumental auf der Bühne zusammengebracht. Das hat richtig Spaß gemacht. Gerade für solche Überraschungen und Entdeckungen ist das Dockville einfach klasse.
Aber abseits von den circa 60 musikalischen Acts gibt es auf dem Gelände des Festivals, welches sich auch als „Festival für Musik und Kunst“ beschreibt, immer viel zu entdecken. Da sind erst einmal die vielen eindrucksvollen Kunstinstallationen, die bei Nacht mit ausgeklügelter Beleuchtung noch einmal einen zweiten Wow-Effekt hervorrufen. Interessierte können sich auch stündlich einem Kunstspaziergang anschließen, um mehr über die Kunstwerke zu erfahren.
Des Weiteren gibt es – lasst mich kurz Luft holen – Yoga, einen Paint Workshop, einen Workshop zum Drachenbauen, Bingo, einen Knitting Club, eine kostenlose Glitzerstation, eine kostenlose Station zum Upcyclen seiner Tasche und und und. Mein absolutes Highlight abseits des musikalischen Line-ups: Auch dieses Jahr war das Hamburger Büchercafé Kapitel Drei mit einer liebevoll gestalteten Area am Start, wo man gemütlich sitzen, lesen und stöbern kann. Also selbst abseits des musikalischen Line-ups hätte ich hier genug zu tun gehabt. Fast schade, dass man eben nicht alles-alles machen kann.
Ein rundum schönes Festival
Alles in allem waren das mal wieder zwei wunderbare Tage auf dem MS Artville Gelände. Besonders hervorheben möchte ich noch einmal die diverse Zusammensetzung des Line Ups. Über die Hälfte der Acts sind hier weiblich gelesen, es gibt viele offen queere Acts, viele PoC-Acts. In einer Welt in der Line Ups immer noch zu einem sehr großen Teil weiß, straight und männlich sind, ist es besonders schön zu sehen, dass ein Veranstalter „mutig“ genug ist, diesen Weg zu gehen. Und vor allem: Dass ein Festival auch so bestens besucht ist und funktioniert.
Hier kann ich natürlich nur aus persönlicher Erfahrung sprechen, aber von allem, was ich mitbekommen habe am Wochenende wirkt sich das auch positiv auf die Besuchenden aus. Hier kommt von chillig bis superextravagant gekleidet ein buntes Publikum zusammen und alle sind eingeladen genau so zu sein, wie sie möchten ohne urteilende Blicke.
Klar, ein bisschen meckern auf hohem Niveau muss am Ende dann doch noch sein: Gerade am Freitag hätte es bei der staubigen Hitze auf dem Gelände gut und gerne noch ein paar mehr Wasserstellen geben dürfen, dort waren die Schlangen schon sehr lang. Und auch beim Essen könnte man noch etwas aufstocken, um auch da die Schlangen zu verkürzen. Ansonsten war das ganze Wochenende aber super durchorganisiert.
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