Live-Review I AnnenMayKantereit machen halt in Bremen

AnnenMayKantereit machen auf ihrer „Live 2026“-Tour Halt in Bremen. In der ausverkauften ÖVB-Arena trifft die unverwechselbare Stimme von Henning May auf große Gefühle, tanzende Menschen und eine Band, die längst in den größten Hallen Deutschlands angekommen ist.

Bremen, 12. September 2026. Vor der ÖVB-Arena herrscht an diesem Abend ein vertrautes Konzertbild: Menschen strömen über die Bürgerweide, irgendwo werden noch schnell die letzten Getränke geholt, aus allen Richtungen sind Gesprächsfetzen über die Band zu hören, die heute Abend auf der Bühne stehen wird. AnnenMayKantereit sind längst keine kleine Kölner Indie-Band mehr. Und trotzdem funktioniert ihre Musik noch immer so, als würde sie direkt neben einem im Wohnzimmer gespielt.

Die ÖVB-Arena ist an diesem Abend der nächste große Schauplatz ihrer „Live 2026“-Tour. Die Dimensionen sind inzwischen gewaltig: Die Band spielt in ausverkauften Arenen und vor Zehntausenden Menschen, während die Songs selbst oft von den kleinen Dingen erzählen – von Beziehungen, Freundschaft, Abschied, Einsamkeit und dem ganz normalen Leben.

Genau dieser Gegensatz macht den Abend in Bremen aus.

Wenn Henning May zu singen beginnt

Es gibt Stimmen, die man erkennt, bevor man überhaupt darüber nachdenkt. Henning Mays Stimme gehört zweifellos dazu. Rau, dunkel, manchmal beinahe brüchig und im nächsten Moment gewaltig. Sie ist längst zum Markenzeichen von AnnenMayKantereit geworden.

Und sie trägt auch in der großen Arena.

Was bei vielen Bands in dieser Größenordnung schnell nach routinierter Stadionshow aussehen könnte, behalten AnnenMayKantereit erstaunlich nahbar. Christopher Annen an der Gitarre und Severin Kantereit am Schlagzeug bilden dabei das musikalische Fundament, auf dem Mays Stimme ihre Wirkung entfalten kann. Für die aktuelle Live-Besetzung wird die Band zudem von weiteren Musikerinnen und Musikern unterstützt.

Im Mittelpunkt stehen Songs aus der gesamten Bandgeschichte. „Marie“, „Nur wegen dir“, „Wohin du gehst“, „Pocahontas“, „Oft gefragt“ oder „Barfuß am Klavier“ gehören zum Repertoire, das die Band auf dieser Tour immer wieder mit neuen Stücken verbindet. Auch „Valerie“ von The Zutons ist Teil des aktuellen Live-Programms.

Zwischen alten Lieblingssongs und neuen Tönen

Besonders interessant ist die aktuelle Tour aber nicht nur für Fans, die mit den bekannten Hits gekommen sind. AnnenMayKantereit geben 2026 auch einen Ausblick darauf, wohin die musikalische Reise gehen könnte.

Bei Konzerten der Tour tauchen neue, bislang unveröffentlichte Stücke auf. Dafür nutzt die Band eine kleinere, wie ein Studio wirkende Spielfläche auf der Bühne. Das wirkt fast wie ein Gegenentwurf zur riesigen Arena: Während ringsherum Tausende Menschen stehen, entsteht für einen Moment der Eindruck, man dürfe einer Band beim Entstehen neuer Musik über die Schulter schauen.

Damit bekommt die Tour eine zweite Ebene. Sie ist nicht ausschließlich Rückblick auf das, was AnnenMayKantereit bereits erreicht haben, sondern zugleich ein vorsichtiger Blick nach vorne.

Die Arena singt

Und dann sind da natürlich die Fans.

AnnenMayKantereit gehören zu den Bands, deren Texte das Publikum nicht erst nach dem zweiten Refrain kennt. Viele Zeilen werden von den Rängen und aus dem Innenraum zurückgesungen. Gerade bei den großen Songs entsteht dadurch dieser besondere Konzertmoment: Henning May muss nicht jede Zeile selbst übernehmen, weil die Halle sie längst kennt.

Die Musik funktioniert dabei sowohl als gemeinsames Mitsing-Erlebnis als auch in den leiseren Momenten. Auf der einen Seite stehen Stücke, bei denen sich die Arena bewegt; auf der anderen Seite Songs, bei denen plötzlich erstaunlich viel Ruhe in einem Raum mit mehreren Tausend Menschen entstehen kann.

Das ist eine der großen Stärken von AnnenMayKantereit: Ihre Musik verlangt nicht permanent nach maximaler Lautstärke. Sie kann groß sein, ohne ständig laut sein zu müssen.

Vom Schulhof in die Arena

Der vielleicht bemerkenswerteste Teil dieser Geschichte liegt ohnehin außerhalb des eigentlichen Konzerts.

AnnenMayKantereit lernten sich in Köln bereits während der Schulzeit kennen und begannen als Straßenmusiker. Aus dieser ursprünglichen Idee ist eine der erfolgreichsten deutschen Bands der vergangenen Jahre geworden. Die ÖVB-Arena steht damit symbolisch für eine Entwicklung, die vor einigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.

Und trotzdem scheint genau diese Vergangenheit in der Musik noch durch. Vielleicht ist es das, was den Songs ihre Wirkung gibt. Sie erzählen nicht von einem Leben, das unerreichbar weit entfernt wäre. Sie erzählen von Situationen, die jeder kennt – nur eben mit dieser Stimme.

Ein Abend, der bleibt

Der Bremer Tourstopp zeigt AnnenMayKantereit in einer Phase, in der die Band längst auf den größten Bühnen angekommen ist, sich musikalisch aber noch immer Raum für Überraschungen lässt.

Die „Live 2026“-Tour verbindet Bekanntes mit Neuem und die Größe einer Arena mit Momenten, die bewusst kleiner wirken. Genau darin liegt ihre besondere Spannung.

Am Ende bleibt weniger die Frage, wie groß die Bühne war, als vielmehr, wie vertraut sich die Songs in dieser Größe noch anfühlen.

In Bremen gelingt dieser Spagat: AnnenMayKantereit sind inzwischen eine Arena-Band – aber ihre Musik fühlt sich noch immer an, als wäre sie für einen selbst geschrieben.