Was für ein Wochenende! Das Hurricane Festival hat einmal mehr bewiesen, warum es zu den Highlights der deutschen Festivallandschaft gehört. Bei strahlendem Sonnenschein, mit knapp 100 mitreißenden Acts und rund 65.000 gut gelaunten Besucher*innen wurde drei Tage lang gefeiert, getanzt und dieses Jahr, relativ untypisch fürs Hurricane Festival, mal richtig geschwitzt. Trotz extremer Hitze und jeder Menge Staub war die Stimmung ausgelassen. Mit ausreichend Trinkwasserstellen, einem Wasserstrahler zur Abkühlung und gutem Krisenmanagement beim kurzen Wetterchaos am Sonntagabend wurde das Festival organisatorisch souverän über die Bühnen gebracht. Die längsten Tage des Jahres hätten also kaum besser genutzt werden können.
Der Freitag: Emotionen und politische Power
In gewohnter Tradition eröffnete das #HurricaneSwimTeam um 15 Uhr bei strahlendem Sonnenschein das Festival auf der Forest Stage und heizte die Menge schon einmal mit altbewährten Hits ein. Trotz wenig Schatten vor den Bühnen fanden sich bereits zur Eröffnung viele Besuchende auf dem Gelände. Bei dem starken Line Up aber wohl kaum anders möglich.
Nahtlos weiter ging es danach nämlich direkt drüben auf der River Stage, wo Paris Paloma mit ihrer unverkennbar ätherischen Stimme die Bühne für das Wochenende einweihte. Besonders mit ihrem viralen Hit „Labour“ entfaltete sich am Ende der Show eine fast spirituelle Wirkung. Die vielen Mitsingenden aus dem vorwiegend weiblich gelesenen Publikum lieferten eine Live-Version des Songs, der der aufgenommenen „Cacaphony“-Fassung in nichts nachsteht. Eine kollektive Katharsis.
Noch mehr geballtes Female Empowerment gab es im Anschluss auf der blauen Bühne bei Kate Nash. In einer flammenden Rede sprach sie sich vor der Performance ihrer brandneuen Single „GERM“ für Trans* Rechte aus und wies auf die Notwendigkeit von Gegenstimmen zu transfeindlichen Stimmen wie der von J. K. Rowling hin. Ansonsten gab es noch eine Menge Nostalgie obendrauf: Die Setlist bestand zu großen Teilen aus dem Debütalbum „Made Of Bricks“ und lud zum Mitsingen ein.
Stark weiter geht es auch danach auf der River Stage: DJO, das Musikprojekt von Stranger-Things-Darsteller Joe Keery, lieferte ein Klangerlebnis der Extraklasse. Mit einer großen 6-köpfigen Band auf der Bühne und einem Sound irgendwo zwischen Psychedelic Pop, Funk und Indie Rock übertraf er mit dem Live Set seine ohnehin schon starke Studioarbeit noch einmal um Längen. Ein hypnotisierendes Set, das viele in seinen Bann gezogen haben dürfte.
Marie Ulven, besser bekannt als Girl in Red hat sich kurze Zeit später mit ihrem Auftritt auf der blauen Bühne umgehend in die Herzen des Publikums gespielt. Ungefiltert, lustig und nahbar wurde mit der Menge geplaudert und jegliche Gedanken geteilt – sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Und die Menge dankt: Es wurde getanzt, gesprungen und gelacht. Zum letzten Song „i wanna be your girlfriend“ sprang Marie dann selbst in den Moshpit. Der perfekte Abschluss für einen so offenen und authentischen Auftritt.
Rüber ging‘s zur Forest Stage! Während man auf der River Stage noch gemütlich im Gras sitzen konnte, ging es hier schon um einiges staubiger zu. Der Auftritt von Biffy Clyro hat dem dann die Krone aufgesetzt. Aber auch kein Wunder: Die schottische Rockband überzeugte wie immer mit brachialem Sound, emotionaler Wucht und einer fantastischen Light Show. Da kann einfach niemand stillstehen.
Direkt im Anschluss gaben sich Rise Against auf der River Stage gewohnt politisch und gewohnt energiegeladen. Frontmann Tim Mcllrath fand trotz der weltpolitischen Lage hoffnungsvolle Worte für die Crowd und rief zum laut und aktiv sein auf. Ansonsten war der Gute leider des Öfteren etwas neben dem Takt mit seinem Gesang, aber es tat der Stimmung zum Glück kaum Abbruch.
Auch wenn es dann langsam noch mal wieder kalt wurde auf dem Gelände hielt das kaum jemanden davon ab sich AnnenMayKantereit auf der Forest Stage zu geben. Diese hatten eine große Band mit vielen Blas- und Streichinstrumentalisten dabei, welche den beliebten Songs der Band noch mal einen besonderen Touch gegeben haben.
Alligatoah setzte mit einer durchinszenierten Show den fulminanten Schlusspunkt des Tages auf der River Stage. Seine Mischung aus Sarkasmus, Gesellschaftskritik und Entertainment zündete, die Stimmung im Publikum war ausgelassen und laut. Seit fast 20 Jahren lachen Leute bei Alligatoah-Konzerten, sagte er selbst und konnte das auch erneut unter Beweis stellen. Musikalisch streute er neben neuen Songs vom Metalalbum „off“ gekonnt seine Klassiker ein und natürlich durfte auch das No Angels-Cover von „Daylight“ nicht fehlen.
Der Samstag: Gluthitze und allgemeiner Abriss
Am Samstag setzte das Wetter noch mal einen drauf. Temperaturen um die 30 Grad und keine Wolke am Himmel machten Schattenplätze zum heiß begehrten Gut. In den Pausen zwischen den Artists waren die prallen Sonnenplätze vor der Bühne so gut wie leergefegt, füllten sich aber dann immer wieder schnell.
Irie Révoltés sind wieder da! Und sie lieferten auf der Forest Stage direkt ein energiegeladenes Set ab, das keinen Fuß stillstehen ließ. Politisch klar positioniert und mit ihrem mitreißenden Mix aus deutsch-französischem Ska, Punk und Hip-Hop. Bei der Message: «Wenn wir sagen Nazis, sagt ihr Fuck Off!» war das Echo laut und deutlich. Die Mittagssonne und der Staub konnten der guten Laune nichts anhaben – dort wurde ordentlich abgerissen.
Danach spielten Jimmy Eat World ihre größten Hits und ein paar neue Banger mit gewohnter Souveränität. „The Middle“, „Bleed American“ und Co. ließen wohl die nostalgischen Emo-Herzen vor der Bühne höherschlagen und auch wenn das Publikum teilweise etwas zurückhaltend wirkte, war die Stimmung durch und durch schön. Und hey, zumindest nicht so viel aufgewirbelter Staub!
Auf der River Stage brachten Wet Leg darauf britischen Indie-Rock mit Witz, Charme und ein paar brandneuen Songs im Gepäck. Klassiker wie „Chaise Longue“ und „Wet Dreams“ durften aber natürlich nicht fehlen und wurden lauthals mitgesungen.
The Wombats verwandelten später dann die blaue Bühne zur 2000er-Indie-Party. Trotz pünktlichem Start starteten sie mit ihrer Lead Single vom neuen Album „Sorry I’m Late I Didn’t Want To Come“. Später spielt ein kostümierter Wombat Posaune auf der Bühne und stürzt sich auf Frontman Matthew Murphy. Um ihn zu attackieren oder ihm an die Wäsche zu gehen ist nicht ganz klar – aber es sah nach Spaß aus. Spätestens zu „Let’s Dance to Joy Division“ gab es dann auch in der Crowd kein Halten mehr.
Waldbrand oder Electric Callboy Konzert? Die Band spielte im Anschluss auf der Forest Stage und haben vom Hurricane Festival wortwörtlich nur noch eine riesengroße Staubwolke übriggelassen. Ansonsten: Konfetti, Bassdrops, Metalriffs, Eskalation pur.
Wer danach dann noch Energie übrig hatte ist rüber zu Sam Fender. Der überzeugte mit kraftvollem Sound auf der River Stage und einer unglaublich gut eingespielten Band. Live wirkt seine Musik noch mal rockiger und direkter als auf Platte – ein echtes Highlight des Abends.
Aber damit war für den Samstag immer noch nicht genug, denn The Prodigy legten auf der Forest Stage eine Show hin, die futuristischer nicht hätte sein können. Lasershow, Strobo, Bassgewitter. Die Crowd: ein einziges Chaos aus Moshpits. „Smack My Bitch Up“ widmete die Band dann ihrem verstorbenen Sänger Keith Flint. Leider war dann aber nach einer guten Stunde schon Feierabend, obwohl das Set laut Timetable für eineinhalb Stunden angesetzt war. Eine Erklärung gab es nicht.
Der Sonntag: Staub adé und ein Finale mit Hindernissen
Der Sonntag zeigte sich wettertechnisch zuerst einmal etwas gnädiger. Trotz noch höherer Temperaturen jenseits 30 Grad war es durch die ein oder andere Wolke erträglicher als am Vortag.
Los ging es dann um 12:30 Uhr auf der Mountain Stage mit KAFVKA. Für Sonntagmittag und Tag drei des Festivals war die Stimmung im Publikum fantastisch und energiegeladen während die Berliner Band auf der Bühne ebenfalls alles gegeben hat – politische Message inklusive: Alle hassen Nazis! Das Publikum? Voll dabei.
Etwas ruhiger ging es dann bei Kadavar auf der Forest Stage zu. Sie sorgten mit schweren, psychedelischen Gitarrenriffs für fast schon tranceartige Stimmung – perfekt zum Abdriften und treiben lassen.
Und noch einmal entspannter wurde es danach bei Lucy Dacus auf der River Stage. Sie spielte ein emotionales Set mit vielen Songs des neuen Albums. Zwar war es nicht besonders voll, aber die Stimmung war dafür umso inniger. Perfekte Festivalentschleunigung am letzten Tag.
Viel zu groß für die kleinste Bühne des Hurricanes wiederrum war im Anschluss: Ikkimel. Sie füllte die Mountain Stage bis zum absoluten Anschlag und hätte wohl besser auf eine der größeren Bühnen gepasst. Ihr Auftritt war gewohnt energiegeladen und unterhaltsam mit vielen lustigen Sprüchen aber auch wichtigen Ansagen zum Thema Awareness & Co.
Und schon geht’s wieder rüber zur River Stage. Wenn eine Band perfekt für einen Sonntagnachmittag in der Sonne ist, dann dürften es wohl die Parcels sein. Die Band lieferte funky Feelgood-Musik zum viben und tanzen. Auch eine kleine Sitzeinlage zum gemütlichen Schunkeln gab es.
Bei Yellowcard war es für 18 Uhr an der Main Stage relativ leer, aber mit Berq und Nina Chuba als konkurrierenden Acts kein großes Wunder. Die Atmosphäre im Publikum war trotzdem fantastisch und es wurde ausgelassen getanzt und mitgesungen. Frontmann Ryan Key war sichtlich gerührt und bedankte sich mehrfach über die Gelegenheit nach so vielen Jahren Pause wieder vor Publikum zu stehen. Zwei Songs vom im Oktober erscheinenden Album „Better Days“ waren im Gepäck, ansonsten wurde sich auf die Klassiker wie „Ocean Avenue“, „Breathing“ & Co. konzentriert.
Nina Chuba sorgte direkt darauffolgend für das größte Gedränge auf der River Stage des gesamten Wochenendes. Ihr Auftritt war bunt, abwechslungsreich und gegen Ende auch mal stimmungsvoll-melancholisch. Zur Mitte des Sets setzte auch endlich ein erlösender Regenschauer ein und untermalte die ruhigeren Songs ihrer letzten Jahres erschienenen EP „Farbenblind“ absolut perfekt. Und der Regenbogen, der sich danach über der Bühne zeigte, war fast zu schön, um real zu sein.
Nachdem der Staub ein bisschen runtergeregnet wurde ging es dann auf der Forest Stage bei Jan Böhmermann mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld weiter. Wie von ihm gewohnt gab es trockenen Humor, mitklatschbare Parodien aber auch viele wichtige politische Messages. Special Mention auch an Gast Jonas Schulze, Teil der Serie „Die Discounter“, der das Publikum herzlich zur „Party in Billstedt“ einlud.
Aber das Hurricane Festival wäre nicht das Hurricane Festival ohne eine kleine Evakuierung, oder? SDP mussten ihr Set wetterbedingt unterbrechen. Um 21:30 Uhr hieß es „Alle in die Autos“ wegen einer Unwetterwarnung. Kurz darauf ging es auch los mit großem Gewitter und Platzregen. Viele Besucher*innen haben daraufhin auch schon den Heimweg angetreten. Damit gerechnet haben nämlich die wenigsten, aber um 23 Uhr ging’s tatsächlich noch weiter. SDP spielten zu Ende, als wäre nichts gewesen. Festivalspirit pur.
Green Day übernahmen schließlich ab zirka Mitternacht den krönenden Abschluss mit einem großen Knall: mit zwei Stunden Verspätung, aber dafür voller Energie. Die Forest Stage war noch einmal rappelvoll, die Luft erstmals wieder frisch. Die Band spielte ein Best Of ihrer Karriere, inklusive viel Konfetti, Getöse und sogar einem Fan auf der Bühne – ein absolut würdiger Ausklang des Festivals.
Hurricane 2025: ein Festival der Extreme
Extreme Hitze, extremes Unwetter, extreme Emotionen, extreme Shows. Und am Ende ein versöhnlicher Regenbogen. Musikalisch war das Wochenende ein Hochgenuss, von ruhigen Singer-Songwriter-Momenten bis hin zum absoluten Abriss. Auch politische Themen kamen nicht zu kurz aber das Wichtigste, was man aus dem Wochenende mit nach Hause nehmen kann, ist das große Gefühl von Gemeinschaft und viele schöne Erinnerungen.
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