Live-Review | Deftones in der Wuhlheide Berlin

Legenden mit einer umwerfenden Open-Air-Show

Nachdem Deftones zusammen mit Drug Church und Denzel Curry bereits im Februar die Max-Schmeling-Halle zum Beben brachte, gab es jetzt ein weiteres Konzerthighlight für dieses Jahr. Zusammen mit Ecca Vandal und Turnstile spielten sie in einer fast ausverkauften Wuhlheide und sorgten für einen Abend, den niemand schnell vergessen wird.

Ein Starker Opener

Ecca Vandal sollte inzwischen jedem, der/die sich tiefer mit der Szene beschäftigt, ein Begriff sein. Spätestens nach diesem Sommer, in dem sie Festivals wie Rock am Ring/Park, Hurricane und Southside oder auch eine Open-Air-Show mit Limp Bizkit spielten, haben sie bewiesen, dass sie auch große Bühnen meisterhaft bespielen können. Vor allem Bassist Richie Buxton wurde warm empfangen, da einige im Publikum ihn vor 2 Monaten schon mit Limp Bizkit in der Wuhlheide sehen durften. Er hat dort den Bass übernommen, nachdem das Gründungsmitglied Sam Rivers letztes Jahr überraschend und tragischerweise verstarb.

Das Trio rund um die Sängerin / Rapperin fühlte sich ab Sekunde eins wohl auf der Bühne und lieferte eine sehr starke Performance ab, es gab auch einige kleinere Moshpits in der Crowd, worüber sich die Band sichtlich freute. Spätestens beim bekanntesten Song der Band «Cruising to Self Soothe» hat die Crowd dann langsam ihren Spaß an der Band gefunden und es wurde sowohl gemoshed als auch gesungen.

Turnstile, eine Band für die Ewigkeit

Wer noch nie auf einem Turnstile-Konzert war, wird schwer verstehen, warum die Band so unfassbar mitreißend ist. Das Hardcore-Quintett aus Baltimore, Maryland, kommt direkt aus der sehr nischigen lokalen Hardcore-Szene und konnte mit «Glow On» 2022 einen Durchbruch schaffen, der sie in ein paar Jahren zur wahrscheinlich größten Hardcore-Band der Welt gemacht hat. Ich hatte kurze Zweifel, ob die Deftones-Crowd mit der Energie mithalten könnte, die ich von den Headline-Shows der Band gewöhnt bin, jedoch war jeglicher Zweifel nach den ersten Tönen von «Never Enough» komplett ausgeräumt.

Mit «T.L.C.» ging es direkt mit 120 % weiter, das Mantra des Songs «I want to Thank you for Letting me Be Myself, I want to Thank you for letting me See myself» beschreibt gut, welche Energie die Band mitbringt. Es ist eine komplette Eskalation, bei der alle das Konzert gemeinsam und in einem geschlossenen Miteinander erleben, es gibt kaum Shows, auf denen dieses Gefühl von Community stärker vermittelt wird.

Ganze wird nur dadurch bestärkt, dass die Band während der kompletten Shows auf einen klassischen «Backdrop» verzichtet und stattdessen die Videowand hinter ihnen nur mit Videos der Crowd bespielt, quasi um zu sagen, dass es hier nicht um die Band selber geht, sie sind nur Mittel zum Zweck, um der Crowd dabei zu helfen, in Gemeinschaft diese Musik zu leben.

Mit «Drop» und «I Don’t Wanna Be Blind» gibt es dann in der Mitte des Sets eine willkommene Überraschung, die beiden Deep Cuts hatten sind für diesen Festivalsommer neu im Set und haben einige ältere Fans der Band in der Crowd sicherlich besonders gefreut. Danach ging es mit dem groovigen «Sole» und dem anthemischen «Holiday» weiter, Letzterer ist sicherlich immer noch eines der Highlights des Sets.

Nach dem langen Outro von «Look Out for Me» verließ die Band dann kurz die Bühne, bevor sie für ihren Encore noch einmal zurückkamen und direkt mit «Mistery» einen ihrer besten und bekanntesten Songs spielten und die Crowd erneut auf das absolute Limit an Energie pushten. Das Set beendeten sie dann mit «Blackout» und «Birds», Letzterer unterstreicht erneut das Mantra der Band mit den sich dauerhaft wiederholenden Zeilen «Finally I can see it, These birds not meant to fly alone». Schlussendlich lässt sich sagen, dass ich mich auf den Tag freue, an dem Turnstile ihr eigenes Konzert in der Wuhlheide spielt, selbst dieser Support-Slot hat sich absolut wie eine Headline-Show angefühlt.

Deftones setzen einen neuen Standard

Nachdem Deftones in den letzten Jahren dank eines Hypes auf TikTok und anderen Social-Media-Plattformen einen zweiten Höhepunkt in Bekanntheit erreicht haben, vergisst man vielleicht gerne, wie lange es diese Band schon gibt. Sie bewegen sich zügig auf ihr 40. Jubiläum in 2028 hin, was unfassbar erscheint, wenn man bei dem Konzert ist, sie ihr Set mit «My Own Summer (Shove It)» beginnen und Chino Moreno genau so viel auf der Bühne herumspringt wie der vorher spielende und über 15 Jahre jüngere Turnstile-Sänger Brendan Yates.

Der nostalgische Start des Sets geht mit «Swerve City» und «Feiticeira» weiter, bevor sie mit «My Mind Is a Mountain» den ersten Song von ihrem 2025 Album «Private Music» spielen. Sowohl die älteren als auch die neuen Songs sorgen hierbei dafür, dass die komplette Crowd sich bewegt und aus ganzer Lunge mitsingt.

Weiter ging es dann direkt mit weiteren zwei Songs vom Album «Around the Fur», dem Titeltrack und «Mascara», es war doch klar merkbar, dass dieses Album einen ganz besonderen Platz in den Herzen der Deftones-Fans hat, selbst inzwischen fast 30 Jahre nach dem Release. In der Mitte des Sets gab es dann mit drei Songs ein Segment für Fans des Albums «Diamond Eyes», mit «Rocket Skates», «Risk» und «Sextape» war das absolut ein Highlight des Sets, bevor es mit «Infinite Source» wieder in neueres Material ging.

Später im Set gab es dann ein weiteres Highlight, mit «Change (In the House of Flies)» spielten sie ihren zumindest zahlentechnisch berühmtesten Song. Das war in der Crowd deutlich merkbar, die Energie war definitiv auf einem Höhepunkt des Konzerts angekommen, das Ganze war von einer tollen Visualisierung unterstützt. Sänger Chino Moreno stand mit seiner Gitarre vor einem rot-orangenen Feuerball, der wie eine untergehende Sonne anmutet und den Song toll visuell begleitet hat.

Anschließend gab es mit «Milk of the Madonna» den letzten regulären Song des Sets und auch den letzten Song vom neuen Album. Spannenderweise war die Setlist im Ganzen deutlich gemischter als noch zur Album-Tour im Februar, ein Fakt, über den sich vor allem viele ältere Fans der Band sicherlich gefreut haben.

Im Encore gab es dann noch einmal drei Songs, mit «Cherry Waves» ging es etwas ruhiger los, bevor die Band mit «My Own Summer (Shove It)» noch einmal Vollgas gab und der Crowd jedes bisschen Energie abverlangte. Das Publikum hatte danach nur noch eine Aufgabe, noch ein letztes Mal zum letzten und auch ältesten Song des Sets «7 Words» jedes bisschen an Energie zu geben, das sie übrig hatten. Mit wahrscheinlich auch dem härtesten Song des Abends bewiesen Deftones damit final, was man über kaum eine andere Band sagen kann. Man merkt ihnen das inzwischen doch hohe Alter der Band nicht an und sowohl sie als auch ihr Publikum müssen sich mit niemandem in der modernen Metal-Szene messen.

Fotocredit:
Bela Dieterich