Gelungene Premiere lässt auf viele weitere Jahre hoffen
In einem Jahr, in dem einige seit Jahrzehnten fest etablierte Festivals ihre Pforten schließen, gibt es zum Glück auch einige Lichtblicke. Ein ganz großer war die erste Ausgabe des Amplifire Festivals in Hamburg. An zwei Tagen haben 31 Bands auf drei Bühnen das MS Artville bespielt. Und wenn es nicht genug wäre, allein ein neues Festival zu starten, haben die Veranstalter ein Line-up kuratiert, das nur Punk-, Rock-, Post-Hardcore- und jede weitere Form der manchmal mehr, manchmal weniger harten Gitarrenmusik beinhaltet. Um das schon mal vorwegzunehmen: Wir waren absolut begeistert und hoffen, dass es nach der Ankündigung für 2027 auch noch viele Jahre weitergeht.
Eine starke Eröffnung
Mit Karen Dió wurde dann am Freitag die Main Stage eröffnet. Die Künstlerin aus Brasilien brachte zusammen mit ihrer Band einiges an guter Laune mit und motivierte die Crowd, die nach ein paar Songs auch langsam in Stimmung kam. Es war zwar merkbar, dass die meisten der Zuschauer*innen sie noch nicht kannten, das hinderte sie aber nicht daran, ordentlich Spaß zu haben. Vor allem gegen Ende spielte sie einige punkigere Songs, bei denen das Publikum dann den ersten Pit des Festivals eröffnete.
Später spielten auf der Main Stage dann die Indie-Rock-Band Pabst aus Berlin. Auch bei ihnen dauerte es ein wenig, bis die Crowd in Stimmung kam, aber hier gab es auch eine Festival-Premiere. Es wurde zur ersten Wall of Death des Tages und damit auch der Festivalgeschichte aufgerufen, die dafür sorgte, dass die komplette Mitte der Crowd in einer Staubwolke verschwand.
Singalongs mit Frank Turner und Gemeinschatliche Eskalation bei Fjørt
Später am Tag kamen dann die ersten Highlights des Wochenendes. Zuerst sorgten Frank Turner & The Sleeping Souls dafür, dass es vor der Main Stage das erste Mal richtig voll wurde. Ab dem ersten Ton konnte ein Großteil der Crowd mitsingen und die Stimmung war folglich großartig. Ein absolut magischer Moment des Sets kam bei dem Song „The Next Storm“. Genau während der Zeile „I wanna step out, and face the sunshine“ brach die Sonne das erste Mal während des Sets wieder durch die Wolken. Manchmal spielt das Wetter dann doch perfekt mit der Musik mit.
Kurz darauf folgte dann mit Fjørt eine Band, die auf diesem Lineup wahrscheinlich musikalisch am weitesten von Frank Turner entfernt ist. Ihr Intro bereitet einen zwar schon auf eine gemeinsame Eskalation vor, bei der alle auf sich aufpassen sollen, aber selbst dann erschlägt einen der Sound von Fjørt ab dem ersten Ton mit einer Härte, die kaum eine andere Band auf die Bühne bringt. Wie üblich lassen es sich Bassist David und Gitarrist Chris auch nicht nehmen, jede Sekunde, in der es möglich ist, nah zur Crowd zu gehen und die intensiven Momente mit Fans zu suchen.
Falls jemand die Texte noch nicht verstanden hat und nicht weiß, wo sich die Band politisch positioniert, setzt David dann in der Mitte von „43“ unmissverständlich ein Zeichen gegen Faschismus und rechtes Denken jeder Art, bevor er mit den wahrscheinlich aussagekräftigsten Zeilen des gesamten in diesem Jahr veröffentlichten Albums in die Crowd springt: „Wir leben in Hakenkreuzzeiten, La Resistance Zeit euch zu zeigen“
Ein weiteres Highlight zum Ende
Als das Festivalgelände dann in Dunkelheit gehüllt wurde, war es endlich Zeit für den Headliner des ersten Tages. Biffy Clyro, eine von Schottlands größten und einzigartigsten Rockbands, begannen ihr Set zuerst mit einigen älteren Songs aus den Alben „Only Revolutions“ und „Puzzle“. Erst mit dem fünften Song spielten sie „A Little Love“, die erste Single ihres im letzten Jahr erschienenen Albums „Futique“. Es konnte sich also niemand darüber beschweren, dass sie nicht an die Fans ihres alten Materials denken.
Spätestens bei Songs wie „Black Chandelier“ oder „Wolves of Winter“ war dann die komplette Crowd entweder im Moshpit oder zumindest am Mitsingen. Zwischen den sonst so energetischen Songs gab es mit „Space“ und „Machines“ auch zwei wunderschöne akustische Atempausen, wobei letztere auch noch von dem sonst eher im Hintergrund präsenten Violinisten begleitet wurde, während der Drummer Vocals beisteuerte.
Die Band um Frontmann Simon Neil, der typischerweise schon oberkörperfrei auf die Bühne kam, lieferte wie gewohnt extrem stark ab und beendete damit den ersten Tag des Amplifire Festivals.
Auch der zweite Tag überzeugte ab der ersten Stunde
Zuerst ein kleines persönliches Highlight: Das Duo „The Hebridian Sheep“ lieferte als erste Band der mittleren «Butterland» Stage eine großartige Performance ab, die den Festivaltag toll eröffnete. Es gab eine Menge grooviger Riffs, einen Wechsel, bei dem der Frontmann plötzlich am Drumkit sitzt und der Drummer mit einem Saxofon die Crowd verzaubert, und auch ein paar etwas härtere Songs waren dabei. Die Band hat zwar bisher nur zwei Songs released, aber ich freue mich jetzt schon auf die Zukunft dieses Geheimtipps.
Eine Stunde später gab es dann mit „South Arcade“ das nächste Highlight des zweiten Tages. Die Band aus Oxford überzeugte mit einem Mix aus modernem Pop-Punk, Alt-Rock und einem Look direkt aus den 2000ern. Die Ästhetik passt in dem Fall auch perfekt zum Sound, wodurch sich die Band und ihre Performance extrem rund anfühlte.
In der Mitte des Sets gab es eine kleine, erzwungene Pause, während der Bassist Ollie von einer der vielen Wespen verfolgt wurde, die es am Wochenende auch auf das Festivalgelände geschafft hatten. Nachdem die Bedrohung wieder verschwunden war, gab es neben einem unveröffentlichten Song auch Performances von Ohrwürmern wie „Supermodels“ und „2005“, bei denen der Gitarrist die Crowd zu einem Circle Pit motivierte, in dessen Mitte er den Anfang spielte.
Und natürlich beendeten sie ihr Set mit „Stone Cold Summer“, bei dem Sängerin Harmony in die erste Reihe ging und den Song zusammen mit Fans an der Barrikade sang. Es steht gar nicht zur Frage, dass wir diese Band noch viele Jahre und wahrscheinlich nur noch auf größeren Bühnen sehen werden.
Zwei Facetten des Hardcore mit Blood Command und High Vis
Weiter ging es dann mit Blood Command auf der mittleren Stage, die norwegische Band rund um Sängerin «Nikki Brumen» die Selber aus Australien ist und erzählte das es zu der Zusammenstellung der Band anscheinend nur durch eine Facebook DM kam. Die klassischen Hardcore Riffs wurden nach ein bisschen Motivation von der bühne dann auch mit Ordentlichen Pits begleiten.
Der Gegensatz innerhalb eines doch oft sehr eintönigen Genres wie Hardcore könnte zwischen Blood Command und High Vis, die direkt danach auch der Hauptbühne spielten, nicht größer sein. Letztere spiele eine im Vergleich sehr sachte, melodische und gefühlvolle Version des Hardcore. Vor allem während dem Song «Mind’s a Lie» der einen house Beat incoperiert wird klar das High Vis eine einzigartige Band im Hardcore sind.
Nostalgie pur mit Tribute to Nothing und Turbostaat
Die Band „Tribute to Nothing“ wird wahrscheinlich den wenigsten bekannt sein. Die 1992 gegründete Post-Hardcore-Band aus England war schließlich auch seit 2009 nur noch sehr sporadisch aktiv. Jetzt spielen sie jedoch wieder und dann direkt auch ihr zweites Album „How Many Times Did We Live?“ in ganzer Länge.
Die Show war vor allem für die Band selber eine Feier dieses Albums. Einige Fans aus den 2000ern gab es auch noch in der Crowd, die jedes einzelne Wort zurück in Richtung Bühne brüllten. Ein wirklich schönes Ende hatte die Show, in dem der maximal 12 Jahre alte Neffe des Sängers das Set an den Drums beendete. Zu sehen, wie eine relativ kleine Band die Zeit aus reiner Liebe zur Musik überdauert und damit dann auch noch die nächste Generation inspiriert, war wirklich ein Highlight des Festivals.
Anschließend ging es dann direkt zum nächsten 20-Jahre-Jubiläum eines Albums, diesmal aber von Turbostaat und ihrem Album „Vormann Leiss“. Nach einer kurzen Einleitung spielten sie dann zuerst genau dieses Album von vorne nach hinten. Es war auch deutlich zu merken, wie viel Nostalgie das Publikum für diese Songs hatte. Jeder Refrain und jede Zeile wurde laut mitgeschrien, während die Mitte des Feldes in einer Staubwolke vom Pit aus verschwand.
Aber nach dem Album war natürlich noch nicht Schluss, denn den Rest des Sets spielten sie eine Mischung aus Hits, Deep Cuts und allem dazwischen. Alles in allem eine wirklich gelungene Zelebrierung des Jubiläums des Albums und damit auch der Reise dieser Band.
Ein starkes Ende
Nachdem die Niederländische Band «John Coffey» eine energiegeladene Show auf der «Butterland» Stage ablieferten war es dann Zeit für den Headliner des zweiten Festival Tages. Bad Religion, Punk Rock Legenden spielten hier ihre einzige Deutschland show des Jahres und lieferten Genau das ab was alle fans von ihnen Erwarten. Eine für das Alter der Band erstaunlich energiegeladene Show mit allen Hits wie «American Jesus», «You» und «Sorrow».
Doch während Bad Religion auf der Mainstage spielten, gab es einen Geheimtipp, den wir uns nicht entgehen lassen konnten. Das Ulmer Rock-Trio „Van Holzen“ spielte auf der kleinsten Bühne und lieferte eine gewohnt energiegeladene und atmosphärische Performance ab. Wie immer dürfen bei Van Holzen natürlich nicht die ikonischen Overhead-Lights fehlen. Auch die Setlist war ein Best-of ihrer inzwischen schon über zehn Jahre langen Bandgeschichte. Neben härteren Songs wie „Herr der Welt“ gab es auch träumerische Songs wie „Tauchen“ oder „Gras“.
Ob man nun bei Van Holzen oder bei Bad Religion war, das Ende des Amplifire Festivals war eines, das mindestens bis zur nächsten Ausgabe im Gedächtnis bleiben wird.
Fazit
Ein paar Sachen sind über die erste Ausgabe des Amplifire Festivals noch positiv hervorzuheben. Zum einen ist das Essensangebot nicht nur vielfältig, sondern auch üppig an vegetarischen und veganen Optionen. Inzwischen ist das zum Glück oft der Fall bei Festivals, trotzdem soll es positiv erwähnt sein.
Zum Zweiten möchte ich positiv hervorheben, dass es besonders ist, nicht nur ein Line-up aus komplett aus manchmal mehr, manchmal weniger harter Gitarrenmusik zu kuratieren, sondern dabei auch noch ziemlich gut auf ein diverses Line-up zu achten.
Hierbei möchte gesagt sein, dass auch dort natürlich Luft nach oben ist. Die größten Acts dieses Jahr waren fast ausschließlich Bands, in denen nur Männer spielen. Jedoch gibt es auf das gesamte Line-up bezogen ein Verhältnis von 18 rein männlichen Acts zu 13 Acts und Bands, die mindestens eine FLINTA*-Frontperson hatten. Das rechnet sich auf ungefähr 70 zu 30 Prozent aus, was jetzt erst mal gar nicht so gut klingt. Dazu möchte aber gesagt sein, dass die meisten größeren Rock- und Metal-Festivals in Deutschland eher bei ca. 23 % FLINTA*-Anteil sind. Ein kleiner Unterschied, der aber merkbar einen klaren Fokus im Booking zeigt, den ich positiv hervorheben wollte.
Zu guter Letzt lässt sich sagen, dass die erste Ausgabe des Amplifire Festivals eine durchaus gelungene Festivalerfahrung war. Alles Logistische lief einwandfrei, das Line-up war stark und auch die Besucher*innen wirkten so, als hätten alle eine großartige Zeit gehabt. Somit hoffen wir auf ein langes Bestehen dieses besonderen neuen Festivals mitten in Hamburg und freuen uns jetzt schon auf das Amplifire Festival 2027!


