Anais – „wünsch dir was“ EP

Anais ist zwar in der Indie-Pop-Szene schon lange kein Geheimtipp mehr, aber wer sie noch nicht kennt, sollte jetzt unbedingt hinschauen. Die newcomer Singer-Songwriterin aus Hannover/Berlin verbindet gefühlvolle Vocals mit eingängigen Indie-Pop-Melodien und erzählt in ihren Songs von kleinen Momenten mit großer Wirkung.

Früher hat Anais ihre Songs noch auf Englisch gesungen, mittlerweile ist sie Schritt für Schritt in die deutsche Musikszene eingetaucht und hat so immer mehr Aufmerksamkeit und Fans gewonnen. Am 16.01. hat Anais ihre erste deutschsprachige EP namens „wünsch dir was“ veröffentlicht und die kann sich mehr als sehen lassen.

Wir haben für euch intensiv reingehört und eine Review der EP erstellt:

Sound

Mit „Wünsch dir was“ liefert Anaïs einen verspielten, sommerlichen Pop-Song, der sofort gute Laune verbreitet. Der Sound ist leicht, luftig und melodisch, mit dezenten elektronischen Elementen, die den Song modern und eingängig machen. Besonders der fließende Übergang zwischen Strophen, Pre-Refrain und Refrain sorgt für ein harmonisches Gesamtbild und lädt direkt zum Mitsummen ein.

Inhalt

Textlich entführt Anais ihre Hörer:innen auf eine kleine Reise voller Fantasie, Romantik und Alltagsträume. Sie spielt gekonnt mit romantischen Bildern, kleinen Alltagsfantasien und Sehnsüchten: von spontanen Abenteuern in Paris bis zu entspannten Momenten in Saint-Tropez.

Der Pre-Refrain trägt dabei unterschwellig eine Mischung aus Naivität und Abhängigkeit in sich, die aus einer intensiven Verliebtheit entsteht: Mit Zeilen wie „Kauf dir Blumen, ist das ungesund?“ oder „Ich erfüll dir jeden Wunsch“ wird deutlich, wie das „Ich“ sich ganz auf die andere Person einlässt und fast kindlich übertreibt, um Nähe und Zuneigung zu zeigen. Besonders auffällig ist der Refrain: „Auf meiner Stirn steht heute: „Wünsch dir was“, im Land der Träume ist genug für alle da…“. Hier verschmelzen Realität und Fantasie auf charmante Weise. Das „Ich“ scheint in eine Welt einzutauchen, in der Wünsche sofort wahr werden können, eine Art persönliches Traumland, in dem alles möglich ist.

Sound

„Arsch der Welt“ kommt musikalisch angenehm unaufgeregt daher. Der Sound ist warm, modern und leicht verträumt, irgendwo zwischen Pop und sanfter Melancholie angesiedelt. Alles wirkt luftig und entspannt, fast wie ein perfekter Urlaubstag, nur dass unter der Oberfläche ständig eine gewisse Unruhe mitschwingt. Das Feature mit Jolle setzt den perfekten Kontrast: Sound und Stimme sind deutlich kantiger und direkter, wodurch ihr Part einen spannenden Gegenpol zu Anais Part bildet. Dadurch bekommt der Song mehr Tiefe und vermeidet es, in reiner Wohlfühlästhetik zu versinken.

Inhalt

Textlich spielt der Track stark mit Gegensätzen. Postkartenmotive wie Strand, Sonnenuntergang oder „Sonnencreme und Sorbet“ treffen auf das Gefühl, emotional nicht loszukommen. Anais verpackt Realitätsflucht und Selbstlügen in klare, moderne Bilder, die sofort im Kopf bleiben. Jolle erweitert das Ganze um eine zweite Perspektive und wirkt wie der nüchterne Realitätscheck im schönsten Moment. Zeilen wie „Meine Koffer voll, aber im Kopf ist noch Platz“ oder „In jedem Drink ’ne Prise Angst“ fassen die Message des Tracks perfekt zusammen: Egal wie weit man reist, manche Gedanken bleiben einfach im Kopf.

Sound

„Wirbelwind“ wirkt vom Sound her poppiger als die vorherigen Songs und öffnet sich musikalisch mehr. Das Klavier und die Geige sind spürbar im Fokus, was dem Track eine emotionale Basis verschafft. Trotz der eher für ihre ruhigeren Songs typischen Instrumente sorgt der gewählte Beat für eine spannende Mischung aus sanfter Melancholie und treibender Energie.

Inhalt

Inhaltlich bleibt Anais bei dem Spiel aus Nähe und Schmerz. Im Song geht es um eine Beziehung, die gleichzeitig anzieht und verletzt. Anais arbeitet mit starken, fast körperlichen Bildern: Krallen, Wunden, Mascara auf dem Kissen, Eis in der Blutbahn. Nähe und Schmerz liegen ständig nebeneinander. Der „Wirbelwind“ steht für das emotionale Chaos, das bleibt, selbst wenn die andere Person eigentlich schon gehen sollte. Zwischen Sehnsucht, Abhängigkeit und dem Wunsch, dass es „gleich nicht mehr weh tut“, zeigt der Song eine verletzliche, sehr ehrliche Seite.

Sound

„Fremdknutschen“ ist ein Song, der direkt auf den Punkt kommt: modern, poppig und mit ordentlich Drive. Der Beat treibt den Track gut voran, während Anais Stimme selbstbewusst und lässig darüber gleitet, fast so, als würde sie die ganze Situation mit einem Augenzwinkern kommentieren. Besonders smart ist der Einsatz des Post-Refrains: die „da-da“-Sequenz hat eindeutig Potenzial für einen Ohrwum oder fürs mitsummen. 

Inhalt

Konflikt: „Ich weiß, dass ich nicht sollte, aber ich will.“ Der Song erzählt von einem Moment, in dem man sich plötzlich zu jemandem hingezogen fühlt, obwohl man eigentlich vergeben ist. Anais beschreibt das mit sehr klaren, modernen Bildern: Kopfkino, Herzflimmern, die Fantasie, die schon viel zu weit geht. Gleichzeitig bleibt sie ehrlich und selbstironisch, besonders in den Zeilen, in denen sie seine Fehler aufzählt, nur um sich selbst zu überzeugen, dass er eigentlich nicht „ihr Typ“ ist.

Sound

„dior sauvage“ wirkt im Vergleich zu vielen anderen Anais-Tracks deutlich reduzierter und direkter. Der Song setzt auf einen minimalistischen, modernen Pop-Beat, der weniger mit großen Melodiebögen arbeitet, sondern eher mit einem klaren, fast kühlen Groove. Die Produktion wirkt bewusst clean, so, als würde sie genau den Raum lassen, den Anais Stimme braucht.

Inhalt

Textlich ist „dior sauvage“ ein cleverer, leicht bitterer Abgesang auf jemanden, der einem eigentlich nicht gut tut. Anais sagt ziemlich direkt: „Ich hab’ gelogen, weil mit dir bin ich schlechter dran als ohne.“ Dabei bleibt sie nicht im klassischen Drama hängen, sondern nimmt das Ganze mit einer ordentlichen Portion Ironie. Dior Sauvage, Bali, Bitcoin, Autos, alles wird kurz angerissen, aber nichts davon beeindruckt sie wirklich.

Sound

„Juli“ klingt nach einem Song, der die bekannte „Wintermüdigkeit“ in Musik übersetzt: eher ruhig, aber mit einer spürbaren Sehnsucht im Hintergrund. Die Produktion ist klar und minimal, ohne große Dramatik, fast so, als würde man einem inneren Monolog lauschen. Gleichzeitig trägt der Track eine leichte, warme Melancholie, die perfekt zum Thema passt: der Wunsch nach Sonne, Leichtigkeit und einem Neustart.

Inhalt

Inhaltlich ist „Juli“ eine klare Fluchtgeschichte: raus aus dem kalten grauen deutschen Winter, rein in die Wärme. Anais beschreibt den Winter als Zustand, der sie „zermürbt“: kurze Tage, Nebel, Dunkelheit, Müdigkeit und das Gefühl, sich selbst kaum wiederzuerkennen. Statt sich damit abzufinden, wird der Wunsch nach Sonne immer größer: „Ich muss los, ich will weit weg.“ Der Refrain ist dabei wie ein kleiner Fluchtplan: „Wir sehen uns dann im Juli wieder“, ein Versprechen an sich selbst, dass es irgendwann wieder heller, wärmer und besser wird. Der Song ist weniger eine depressive Stimmung, sondern eher eine Entscheidung: Wenn der Winter zu schwer wird, dann pack ich meine Koffer und suche mir den Sommer.

Sound

Für uns ist „valentino“ der catchigste Song der EP. Der Track ist poppig, modern und bleibt sofort im Ohr hängen. Die Produktion ist clean und lässt Anais Stimme richtig glänzen, während der Beat locker mitzieht und den Song angenehm leicht macht. Besonders der Refrain hat diesen Ohrwurm-Faktor, der einen sofort mitnimmt und nicht mehr loslässt. 

Inhalt

Textlich ist „valentino“ ein Song über diesen sogenannten „perfekten Moment“, wenn alles stimmt und man sich einfach fallen lassen kann. Anais beschreibt eine Szene, die wie ein Film wirkt: Abendrot, Bordsteinkante, Minirock und Cowboy-Boots, dazu der Duft von Vanille und der Geschmack von Pistazie. Die Details machen den Song spürbar greifbar und geben ihm eine klare Atmosphäre. Der Refrain „Alles ist gut, wie es grad ist“ spiegelt dabei den Inhalt des Tracks perfekt wider: Er fasst das Gefühl zusammen, im Moment angekommen zu sein, ohne sich Gedanken über negative Dinge zu machen. Für uns ist „valentino“ der stärkste Track der EP und ein krönender Abschluss.

Die EP ist ein echtes Statement: kurz, knackig und mit genug Hit-Potenzial, um Anais endgültig aus dem „Newcomer“-Status zu katapultieren. Sie liefert hier nicht nur Sommer-Sound, sondern zeigt auch, dass sie ein Gefühl für eingängige Hooks und klare Ästhetik hat.
Einen kleinen Kritikpunkt haben wir trotzdem: Manche Themen wiederholen sich, weil Liebe und Sehnsucht als Motive sehr präsent sind. Für uns wirkt das eher wie ein roter Faden als ein echtes Problem, kann aber für den Hörer an bestimmten Stellen inhaltlich etwas monoton wirken.
Wir können definitiv gespannt sein, was als Nächstes von Anais kommt, wir werden es auf jeden Fall weiterverfolgen!

Anais – wünsch dir was

Score

83%
„wünsch dir was“ ist ein echtes Statement: kurz, knackig und mit definitiv genug Hit-Potenzial, um Anais endgültig aus dem „Newcomer“-Status zu katapultieren!
Fotocredit: