Von Wegen Lisbeth – Strandbad Eldena

In der Vergangenheit gab es Berichte über Machtmissbrauch und übergriffiges Verhalten, sowohl von einem Fotografen aus dem Umfeld der Band als auch von Bandmitglied Robert Tischer. Die Vorfälle wurden öffentlich diskutiert, die Statements der Band stießen zunächst auf Kritik. Mittlerweile hat die Band einen „Code of Conduct“ eingeführt, um klare Regeln für den Umgang miteinander zu schaffen. Die Debatte liegt inzwischen schon einige Monate zurück. Gleichzeitig möchten wir klarstellen, dass wir solches Verhalten in keiner Form tolerieren und unsere Bewertung sich ausschließlich auf die musikalische Leistung der Band bezieht.

Mit „Strandbad Eldena“ schieben Von Wegen Lisbeth ihr mittlerweile viertes Studioalbum mitten in den Dezember und veröffentlichen etwas, das auf den ersten Blick paradox wirkt: Ein Soundtrack für warme Sommertage, der in die kälteste Zeit des Jahres fällt. 

Das Album fühlt sich wie es bei Von Wegen Lisbeth üblich ist, weniger wie ein klassisches Konzeptwerk an, sondern eher wie eine lose Sammlung von Momentaufnahmen: kleine Szenen, flüchtige Gedanken, halbe Gespräche, die man irgendwo zwischen Küche, U-Bahn und Feierabend aufschnappt.

Der Frontsänger „Matthias Rohde“ singt von Erlebnissen, Beobachtungen und Gefühlen, die jede und jeden von uns beschäftigen. Das Ganze eben nur im gewöhnlichen „Von Wegen Lisbeth“ Stil, mit jener Mischung aus feinem Witz, sprachlicher Finesse und skurrilen Bildern. Die Band überrascht auf dem Album jedoch auch mit einer Reihe eher untypischen und tiefgründigeren Von-Wegen-Lisbeth-Songs.

Die Anfangssekunden des Songs klingen beinahe wie ein vorsichtiges Antasten: ruhig, fast schon schwebend und mit einer leichten Urlaubs-Melancholie im Unterton.

Das „Strandbad Eldena“ wird im Song schließlich zum Symbol für das Bedürfnis nach Abstand vom eigenen Alltag. Gleichzeitig macht der Text deutlich, wie begrenzt dieser Abstand ist. Ganz besonders in einer stressigen Großstadt wie Berlin. Bereits die erste Zeile bringt das prägnant auf den Punkt: „Du hast gesagt, du musst raus und das Meer sehen, bis Greifswald reicht der Tankrabatt.“ Das echte Meer ist schlicht zu weit von Berlin entfernt, weshalb das sogenannte „Strandbad Eldena“ in Greifswald als Ersatz herhalten muss. Die Zeilen im Song fühlen sich wie ein innerer Monolog an, fast wie lose Tagebucheinträge. Gedanken kommen und gehen, wirken ungefiltert und beiläufig, als würde man jemandem beim Nachdenken zuhören.

Musikalisch klingt der Song warm, entspannt und leicht vernebelt. Sanfte Synths, ein ruhiger Beat und zurückhaltende Gitarren erzeugen eine fast surfige Spätsommer-Atmosphäre. 

In „Madame Tussauds“ verwandeln Von Wegen Lisbeth das bekannte Wachsfigurenkabinett in einen überraschend intimen Rückzugsort. Zwischen Stars und Sternchen findet das lyrische Ich ausgerechnet bei einer stummen Tom-Hanks-Figur Trost: jemand hört zu, ohne zu antworten. Die Sprachlosigkeit wird hier nicht als Leerstelle, sondern als Erleichterung erzählt. Einfach mal erzählen dürfen, ohne sich ständig rechtfertigen oder erklären zu müssen.

Der Sound drängt sich auch hier nicht in den Vordergrund, sondern lässt dem Text viel Raum und verstärkt so die nachdenkliche, melancholische Stimmung des Songs. Im Hintergrund sorgen sanfte Synthesizer, ein einfacher Beat und eine zurückhaltende Melodie für einen stimmigen Indie-Pop-Sound.

Wer Von Wegen Lisbeth kennt, weiß um ihre Vorliebe für Weltraumthemen. Auch im Song „Pluto“ rückt die Band ein kosmisches Randthema in den Mittelpunkt. Der Ausgangspunkt ist die Entscheidung von 2006, Pluto den Planetenstatus abzuerkennen. Im Song wird daraus eine treffende Metapher für all das, was man lange für sicher hielt und das plötzlich nicht mehr gilt. Beziehungen, Selbstbilder, Gewissheiten: Alles kann sich ändern, manchmal einfach, weil jemand neu draufschaut. Der Text erzählt das mit dem typischen Von-Wegen-Lisbeth-Humor: trocken, leicht schräg und erstaunlich tröstlich. Zeilen wie „Alles geht vorbei / Gar nichts ist gewiss“ klingen weniger nach Pessimismus, sondern eher nach Nichts ist für immer und das ist irgendwie auch okay. Besonders der Refrain lädt durch seine zurückhaltende und schöne Melodie zum Augen schließen und Schunkeln ein.

Musikalisch bleibt auch „Pluto“ bewusst zurückhaltend. Ein ruhiger Groove und unaufgeregte Harmonien sorgen dafür, dass der Song fast nebenbei läuft, sich aber genau deshalb festsetzt.

Mit „Revolution“ liefern Von Wegen Lisbeth wieder einmal einen Song, der auf charmante Weise zwischen Nachdenklichkeit und Humor pendelt. Textlich geht es um das Aufwachsen, Routinen und das Vermissen von geliebten Menschen. Das ganze verpackt in kleine Alltagsweisheiten und poetische Bilder wie „Weißt du noch, als wir zwei Fische war’n?“. Die wiederkehrende Zeile „Okay, okay, ich wache auf und vermiss’ dich“ verleiht dem Song eine persönliche, intime Note, während der Refrain mit „God damn evolution, was hast du dir dabei gedacht?“ eine humorvolle Reflexion über das Leben liefert.

Musikalisch ist „Revolution“ poppiger und tanzbarer als die vorherigen drei Songs der Platte. Die Melodie von „Revolution“ ist eingängig und leichtfüßig, dabei aber überraschend verspielt. Sanfte Gitarren, klare Harmonien und ein treibender Rhythmus wechseln sich ab und verleihen dem Song Dynamik, ohne die Lockerheit zu verlieren. 

Mit ‚Help Me Out‘ zeigen Von Wegen Lisbeth eine überraschend andere Seite und zeigen ihre Fähigkeit, dramatische Geschichten in Indie-Pop-Songs zu verwandeln.

Der Song erzählt von Isolation, Hilflosigkeit und dem verzweifelten Ruf nach Rettung, sei es physisch, wie im Bild des Absturzes aus dem Zeppelin, oder emotional, in der Suche nach Unterstützung, die ausbleibt. Wiederkehrende Zeilen wie „Come help me out“ oder „SOS die Luft ist raus“ verstärken das Gefühl von Dringlichkeit und Ausweglosigkeit, während die Bridge den Song auf fast schon philosophische Weise erweitert: „Wer rettet uns wirklich, wenn niemand da ist?“. Das Feature von Steiner & Madlaina ergänzt die Erzählung mit einer zusätzlichen Stimme, wodurch der Song aus mehreren Perspektiven hörbar wird.

Musikalisch wirkt die Melodie dagegen überraschend unaufgeregt und fast zu sanft für die Dramatik des Textes. Treibende Beats und leichte Synthesizer erzeugen zwar Bewegung, passen aber nicht ganz zu der existenziellen Spannung und der beklemmenden Stimmung der Geschichte. Gerade diese Diskrepanz macht den Song interessant, kann aber zugleich irritierend wirken.

Mit „Den Haag“ zeigen Von Wegen Lisbeth einmal mehr ihren typischen Humor und ihre feinsinnige Beobachtungsgabe im Alltag. Der Song dreht sich um Unsicherheit, Selbstzweifel und das ständige Abwägen von Entscheidungen, ob es nun um zu viel Chili in der Suppe, die Siebträgermaschine oder das eigene Verhalten geht. Die wiederkehrende Frage „Oder nicht?“ unterstreicht dabei auf charmante Weise die Entscheidungsschwierigkeiten des lyrischen Ichs. Im Refrain steigert der Wunsch nach einem „internationalen Gerichtshof aus Den Haag“ die Überforderung mit alltäglichen Belanglosigkeiten auf humorvolle Weise ins Absurde.

Musikalisch ist „Den Haag“ leicht, eingängig und verspielt arrangiert. Ein sanfter Groove, unaufdringliche Gitarrenriffs und eine lockere Melodie tragen den Text, ohne seine Komik oder Nachdenklichkeit zu überdecken. Besonders der Refrain lädt eindeutig zum mitsingen ein.

Mit „Kokon“ versuchen Von Wegen Lisbeth, das Bild von Rückzug und Selbstfindung in eine poppige, wiederholende Form zu gießen. Textlich geht es darum, sich aus dem eigenen „Kokon“ zu lösen, kleine Schritte aus der eigenen Komfortzone zu machen und sich aus dem „schiefen Leben“ herauszupellen. Der Song ist jedoch stark durch den minimalistischen und wiederholenden Refrain mit dem durchgehenden „Ko-ko-ko-ko-kokon“ geprägt, was für manche Hörer eher monoton und wenig einprägsam wirken kann.

Musikalisch ist der Song ebenfalls reduziert und rhythmisch simpel gehalten. Die Melodie trägt den Text nur sporadisch, und die ständige Wiederholung im Refrain erzeugt wenig Abwechslung oder Spannung. Dadurch bleibt der Song im Vergleich zu anderen Werken der Band etwas blass und hinterlässt nicht den typischen Von-Wegen-Lisbeth-Charme.

Mit „Mars“ greifen Von Wegen Lisbeth mal wieder ins kosmische Regal, nur das es dieses Mal um einen „richtigen“ Planeten geht.

Textlich spielt der Song mit Entfernung, Missverständnissen und kleinen, scheinbar banalen Differenzen. Im Song geht es zum Beispiel um die „zweiunddreißig Meter Höhenunterschied“ zwischen zwei Personen. Diese kleine Entfernung wird auf charmant absurde Weise ins kosmische übertragen: Der Wunsch nach einer „Karte vom Mars“ steht dabei symbolisch für Distanz, Fremdheit und die Schwierigkeit, sich gegenseitig zu erreichen.

Musikalisch wirkt „Mars“ entspannt und beschwingt. Sanfte Gitarren und ein ruhiger Schlagzeugbeat bilden die Basis, während die Melodie leicht schwebt und den Text spielerisch begleitet. Der wiederkehrende Refrain bleibt sofort im Ohr, lädt zum mitsingen und mittanzen ein.

Mit „Gespenst“ zeigen Von Wegen Lisbeth eine neue, nachdenklichere und verletzliche Seite. Anders als ihre sonst eher verspielten Indie-Pop-Songs dreht sich der Track um Unsichtbarkeit und emotionale Distanz: „Und ich bleib’ ein Gespenst für dich / Und ich weiß, du erkennst mich nicht“ fasst das Gefühl von Entfremdung und innerer Zerbrechlichkeit des Songs perfekt zusammen.

Das Feature von LUVRE47 bringt sowohl musikalisch als auch textlich eine spannende zweite Perspektive ins Spiel. Während Matthias Rohde das innere Gefühl der Unsichtbarkeit beschreibt, fügt LUVRE47 alltägliche, greifbare Details hinzu: von einem Restaurantbesuch bis zum zusammenfallenden Kartenhaus und verstärkt so die Intimität und die emotionale Tiefe des Songs.

Musikalisch ist „Gespenst“ auch ruhiger und reduzierter als typische Von-Wegen-Lisbeth-Tracks. Minimalistische Harmonien, ein sanfter Groove und eine getragen-melancholische Melodie lassen den Text atmen und schaffen eine dichte, intime Atmosphäre, die zum Zuhören und Mitfühlen einlädt.

Mindset“ behandelt auf charmante Weise Selbstreflexion und persönliche Verantwortung im Alltag. Kleine Krisen vom Vermieterbrief über das geklaute Mofa bis zu alltäglichen Frustrationen, werden humorvoll erzählt. Zentral bleibt die Erkenntnis: „Schuld war immer nur das Mindset / Der Fehler liegt an mir.“ Mit dieser selbstironischen Haltung verbindet der Song Humor, Nachdenklichkeit und Alltagsbeobachtungen auf typisch Von-Wegen-Lisbeth-Art.

Musikalisch ist „Mindset“ leichtfüßig und eingängig. Die sanfte Melodie trägt den Text mühelos, während der wiederkehrende Refrain sofort im Ohr bleibt.

Mit „Gleichgewicht“ präsentieren Von Wegen Lisbeth nach unserer Meinung das Herzstück ihres Albums: ein Song, der Text sowie Melodie perfekt miteinander verbindet und sich sofort als Highlight herauskristallisiert. Inhaltlich geht es um „kosmische“ Stabilität, Routine und emotionale Kontrolle. Alles wirkt unter Kontrolle, bis eine bestimmte Person erscheint und plötzlich alles durcheinanderbringt. Die Zeilen: „Gar nichts bringt mich aus dem Gleichgewicht / Aber du, nur du“ fassen diesen Moment perfekt zusammen.

Musikalisch ist der Song ebenso eindrucksvoll. Die Melodie trägt die emotionale Spannung mühelos, während der sanfte, gleichmäßige Beat und die zurückhaltenden Harmonien eine perfekte Balance zwischen Nachdenklichkeit und Leichtigkeit schaffen. Besonders der Refrain bleibt sofort im Ohr und hat eindeutiges „Ohrwurm“ potenzial. 

Im Song „Anxiety“ zeigen Von Wegen Lisbeth eine besonders verletzliche und nachdenkliche Seite. Zentral im Song steht der Begriff „true love anxiety“: die Mischung aus tiefem Vertrauen und gleichzeitig latenter Sorge in einer Beziehung. Man weiß, dass der Partner da ist und loyal bleibt, spürt aber trotzdem ein leichtes Unbehagen oder die Angst, dass etwas schiefgehen könnte. Diese widersprüchlichen Gefühle ziehen sich wie ein roter Faden durch den Song, besonders deutlich im Refrain: „Du verlässt mich, du verlässt mich nie: True love anxiety“.

Musikalisch setzt der Song auch auf sanften Indie-Pop. Eine zurückhaltende Melodie, dezente Harmonien und ein gleichmäßiger Rhythmus erzeugen eine beruhigende, fast schwebende Atmosphäre, die die emotionale Spannung des Textes unterstreicht

Mit dem Song „Widersprüche“ zeigen Von Wegen Lisbeth eine deutlich kantigere, fast wütende Seite. Der Text ist direkt, bissig und politischer als vieles zuvor: gesellschaftliche Doppelmoral, moralische Bequemlichkeit und absurde Gegensätze werden in kurzen, zugespitzten Zeilen offengelegt. Das ständig wiederholte „Ja, ja, na sicher, na klar“ wirkt dabei wie ein sarkastischer Kommentar zur allgemeinen Akzeptanz des Widersprüchlichen, man weiß, dass etwas schiefläuft, lebt aber trotzdem damit weiter. Der Refrain verdichtet diese Beobachtungen zu einer nüchternen Feststellung: Widersprüche sind kein Ausnahmezustand mehr, sondern Dauerzustand.

Musikalisch ist der Songs für uns der spannendste des Albums. Die Melodie ist roh, treibend und bewusst wenig glatt, getragen von einer dreckigen und angerauten Gesangsstimme. Der Rhythmus ist kraftvoll, der Refrain schreit förmlich nach kollektiver Entladung und ist definitiv moshpit tauglich.

„Strandbad Eldena“ zeigt Von Wegen Lisbeth in einer spannenden Balance: Zwischen den gewohnt eingängigen, leichtfüßigen Songs, ruhigeren Songs und spürbar tiefgründigeren Songs. Dadurch entsteht eine angenehme Abwechslung, die das Album durchweg spannend hält und nicht gleichtönig klingen lässt. Die Band bleibt dabei trotzdem ihrem unverkennbaren Sound treu, erlaubt sich jedoch mehr Nachdenklichkeit und emotionale Tiefe, ohne an Charme oder Leichtigkeit zu verlieren. Gleichzeitig sorgt die insgesamt ruhigere, oft zurückgenommene Art dafür, dass die Songs weniger auf unmittelbare Live-Explosionen setzen. Statt Moshpit-Momenten stehen Atmosphäre, Text und Melodie im Vordergrund, ein Album, das eher nachwirkt, als dass es überrollt und genau darin seine Stärke findet.

Von Wegen Lisbeth – Strandbad Eldena

Score

81%
„Strandbad Eldena“ verbindet den typischen Charme von Von Wegen Lisbeth mit mehr Ruhe und Tiefe. Die Mischung aus Leichtigkeit und Nachdenklichkeit sorgt für Abwechslung und macht das Album zu einem stimmungsvollen Werk, das eher nachhaltig wirkt als laut zu überwältigen.
Fotocredit: