NEVER A PHASE: ALL TIME LOW VERWANDELN DEN SCHLACHTHOF WIESBADEN IN EINE ZEITMASCHINE

Zwischen verschwitzten T-Shirts, Nostalgie und neuem Album: All Time Low liefern einen Abend, der sich anfühlt
wie Jugend, Sommer und Lieblingssongs auf voller Lautstärke.

Als All Time Low am 23. Juni im Schlachthof Wiesbaden auf die Bühne treten, herrschen draußen Temperaturen
weit jenseits der 30-Grad-Marke. Schon vor dem Einlass ist klar: Dieser Abend wird schweißtreibend. Dass die
Halle nicht komplett ausverkauft ist, stört dabei niemanden – ganz im Gegenteil. Zwischen Fächern,
Handventilatoren und kalten Getränken sind viele Besucher sogar dankbar für jeden zusätzlichen Zentimeter
Platz.

Den Auftakt übernimmt die deutsche Band Kind Kaputt, bevor um 20:45 Uhr die Lichter ausgehen und die ersten
Töne von „Suckerpunch“ durch die Halle schießen. Der Opener des aktuellen Albums „Everyone’s Talking“ macht
seinem Namen alle Ehre. Innerhalb weniger Sekunden ist die Energie im Raum spürbar. Die Menge springt an,
Arme gehen in die Luft und die ersten Textzeilen werden lautstark mitgesungen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehören All Time Low zu den festen Größen des Pop-Punk. Die Band aus
Baltimore hat mit zahlreichen Chartplatzierungen, Gold- und Platin-Auszeichnungen sowie Songs wie
„Monsters“ längst Musikgeschichte geschrieben. Doch was die vier Musiker seit jeher besonders macht, ist ihre
Fähigkeit, Menschen für einen Abend alles um sich herum vergessen zu lassen.

Frontmann Alex Gaskarth führt mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit durch den Abend. Sein Gesang klingt
auch live beeindruckend nah an den Studioaufnahmen und besitzt genau die Mischung aus Kraft, Gefühl und
Melodie, die All Time Low seit Jahren auszeichnet. Immer wieder wechselt er die Gitarre – besonders bei der
emotionalen Ballade „Remembering Sunday“, die er auf einer Akustikgitarre spielt. Zwischendurch landen
zahlreiche Plektren im Publikum, die von glücklichen Fans wie kleine Trophäen eingesammelt werden.

Gitarrist Jack Barakat fehlt derweil aufgrund einer Ellenbogenverletzung und ist aktuell nicht Teil der Tour.
Trotzdem wirkt die Band keineswegs unvollständig. Schlagzeuger Rian Dawson und Bassist Zack Merrick sorgen
gemeinsam mit Gaskarth für den gewohnt druckvollen Sound, der die Halle trotz der drückenden Hitze
durchgehend in Bewegung hält. Alex Gaskarth nimmt sich mehrfach Zeit für ein Dankeschön an die Crowd.
Besonders bewegt zeigt er sich darüber, erstmals im Schlachthof Wiesbaden spielen zu dürfen. Mehrfach betont
er, wie besonders es sich anfühle, an einem neuen Ort direkt so herzlich empfangen zu werden.

Was an diesem Abend besonders auffällt, ist die Vielfalt des Publikums. Vor der Bühne stehen Teenager neben
Menschen, die die Band bereits seit ihren frühen Tagen begleiten. Kein Wunder: Mit Songs wie „Weightless“ oder
dem unverwüstlichen „Lost In Stereo“ schlägt die Setlist eine Brücke zwischen mehreren Generationen von Fans.

Für viele Anwesende ist All Time Low weit mehr als nur eine Band. Die Songs sind Erinnerungen an Schulzeiten,
an Busfahrten mit Kopfhörern, an Jugendzimmer voller Poster und das Gefühl, die Welt für ein paar Minuten
auszublenden. Genau diese Nostalgie schwingt auch bei den neuen Songs mit. Stücke wie „The Weather“,
„Falling For Strangers“ oder „Suckerpunch“ wirken modern, verlieren aber nie den Charakter, der All Time Low
schon vor fast 20 Jahren ausgezeichnet hat.

Nach rund 90 Minuten erreicht der Abend schließlich seinen Höhepunkt. Mit den ersten Tönen von „Dear Maria,
Count Me In“ verwandelt sich die Halle in einen einzigen Chor. Jede Zeile wird mitgesungen, jeder Refrain
mitgegrölt. Während bunte Air Dancer auf der Bühne tanzen und farbiges Licht den Raum flutet, entsteht genau
dieser seltene Konzertmoment, in dem Band und Publikum vollständig miteinander verschmelzen.

Als die letzten Töne verklungen sind und die Besucher hinaus in die warme, schwüle Sommernacht strömen,
bleiben verschwitzte Shirts, heisere Stimmen und jede Menge glückliche Gesichter zurück. Am Merchandising-
Stand gab es an diesem Abend nicht nur die üblichen Tourshirts zu kaufen, sondern auch Armbänder mit einer
Botschaft, die kaum besser zu diesem Konzert gepasst hätte: „Never a Phase“.

Und spätestens nach diesem Abend dürfte klar sein: Für viele Menschen war All Time Low tatsächlich nie nur
eine Phase.


Lara Jane Schumacher

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