Live Review I Kraftklub in Hamburg

35.000 Menschen, ein gemeinsamer Text und ein Fragezeichen

Beim Tourfinale auf der Hamburger Trabrennbahn zeigt sich, was Kraftklub seit Jahren auszeichnet: eine außergewöhnliche Nähe zum Publikum. Deichkind sorgen für eine Überraschung – und Felix Kummer hinterlässt ein Datum.

Die ersten Zeilen gehören an diesem Abend nicht Felix Kummer. Sie gehören 35.000 Menschen.

Auf der Hamburger Trabrennbahn setzt das Publikum bei den ersten Songs sofort ein. Nicht zögerlich, nicht nur bei den großen Refrains. Die Texte sitzen. Ganze Passagen werden von der Menge übernommen, während Kummer das Mikrofon immer wieder ins Publikum hält. Kraftklub müssen ihre Songs an diesem Abend nicht erklären – ihre Fans kennen sie längst.

Das Tourfinale der Chemnitzer Band lebt genau von dieser Dynamik. Die Stimmung ist ausgelassen, aber nicht beliebig. Zwischen den Songs wird gesprungen, getanzt und mitgesungen; vor der Bühne verdichtet sich die Energie immer wieder zu Moshpits. Auf der Bühne trifft diese Unmittelbarkeit auf eine routinierte Live-Show. Beides greift ineinander: Die Band gibt den Takt vor, das Publikum macht daraus einen gemeinsamen Abend.

Besonders deutlich wird das bei den Liedern, die längst über ihren Status als Konzertnummern hinausgewachsen sind. Sobald die ersten Zeilen erklingen, entsteht ein Chor, der die eigentliche Größe dieses Abends hörbar macht. Kraftklub spielen für ein Publikum, das nicht nur zuhört, sondern seine eigene Rolle im Konzert sehr genau kennt.

Zum Tourabschluss gibt es zudem prominente Verstärkung: Deichkind stoßen als Überraschungsgast dazu. Die Hamburger bringen ihren eigenen, unverwechselbaren Wahnsinn mit und fügen sich damit erstaunlich selbstverständlich in den Abend ein. Für einen Moment wird aus dem Kraftklub-Konzert auch eine kleine Hommage an Hamburgs ausgeprägte Liebe zum kontrollierten Chaos.

Und dann ist da noch dieses Datum: 16.09. 16 Uhr.

Felix Kummer sprüht die Zahlen an eine Wand. Mehr Erklärung gibt es zunächst nicht. Kein langer Spannungsaufbau, keine Auflösung, kein offensichtlicher Hinweis darauf, was sich hinter dem Datum verbirgt. Nur vier Ziffern, die nach dem Konzert im Gedächtnis bleiben.

Gerade weil Kraftklub ihr Publikum seit Jahren nicht nur musikalisch, sondern auch über Inszenierung und Andeutungen erreichen, dürfte dieser Moment kaum zufällig wirken. Was am 16. September passiert, bleibt allerdings offen. Alles Weitere wäre derzeit Spekulation.

Für Hamburg endet damit ein Konzertabend, der vor allem durch seine unmittelbare Atmosphäre funktioniert. 35.000 Menschen singen Kraftklub-Songs, als gehörten sie längst ihnen selbst. Deichkind liefern den Überraschungsmoment. Und Kummer hinterlässt zum Schluss eine offene Frage an der Wand.

Das Tourfinale ist vorbei. Die Antwort offenbar noch nicht.

Fotocredit:
Alina Schwarz