Wer behauptet sich schonmal mit der Kombination aus Musik, Witz und Kunst beschäftigt zu haben, kam dabei mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit an Deutschlands meister Band der Welt Knorkator nicht vorbei. Aktuell tourt die Band mit ihrer neusten Platte Sieg der Vernunft (2022) durch diverse Festivals, spielt hier und da auch mal ein paar Songs und verkaufen komische Stoffwaren an eben jene Besucher solcher Veranstaltungen. Wir konnten bei all dem Trubel einmal Keyboard-Experte, Star Wars Kenner und Grundüngsmitglied Alf Ator beiseite nehmen, um mit ihm in einem äußerst kritischen Interview alles aktuell wichtige zu erfahren. Wie es um das 30-jährige Jubiläum der Band aussieht oder ob überhaupt noch was kommt, erfahrt ihr wie immer in unserem Interview.

Dieses Interview wurde auf einer Obstschale aufgenommen

moshed.net: Ich warne direkt mal vor, dass wir durchaus kritische Fragen stellen, aber sicherlich auch die Standard-Fragen abdecken, die du schon 300x gehört hast – nervt uns auch!

Alf: Na, die muss man ja nicht stellen. Aber du darfst sie stellen. Ich bin auch auf solche Fragen durchaus vorbereitet.

moshed.net: Ok dann fangen wir doch mal ganz einfach an: Wie geht es dir denn gerade jetzt so im Moment?

Alf: Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich sagen, eine 7. Wenn ich näher darüber nachdenke, tendiere ich ein bisschen zu 8, weil das, was das Ganze von der 10 runternimmt eigentlich unerheblich ist. Das ist im Moment sehr präsent, das Wetter ist scheiße, ich habe nicht die richtigen Klamotten mit fürs Festival hier, aber letztendlich überwiegen tatsächlich, wenn man sich eine Tabelle machen würde, die positiven Aspekte extrem und deswegen würde ich sagen eine 8.

moshed.net: Was sind so Dinge bei dir, wo du sagst, damit hast du gute Laune jetzt aktuell? Heute so?

Alf: Ich gebe leidenschaftlich gern Interviews.

moshed.net: Ah, sehr gut. Ich hab mich auch den ganzen Tag hier drauf gefreut! Ihr habt ein neues Album rausgebracht letztes Jahr. Wurde von vielen Leuten auch als das kritischste angesehen von euch, oder das vielleicht, sag ich mal, düsterste? Ist das der richtige Begriff für dich? Oder hab ich jetzt totalen Mist geredet?

Alf: Ja, bei dem Ding überwiegt so ein bisschen der ernste Kern. Wir haben es in der Vergangenheit meist erfolgreich geschafft, diesen so ein bisschen zu verstecken. Diesmal ist uns das nicht ganz gelungen. Die Songs entstehen einfach einer nach dem anderen. Das kann man nicht steuern. In einer Zeit mit sehr vielen Fragezeichen kommen dann halt sehr viele Fragezeichen-Songs.

moshed.net: Aktuell ist die Lage in der Welt ja durchaus als „beschissen“ zu betrachten. Egal wo man hinschaut nur negative Neuigkeiten und Themen. Wie ist das für euch als Künstler, dann Abends dafür zu sorgen, dass die Leute, die eure Shows besuchen eine gute Zeit haben?

Alf: Ja, das tut mir ja nun leid. Also, nee, das ist schon gut. Ich komme damit klar, dass wir diese Aufgabe haben und das mache ich auch gern, weil es macht uns selber ja auch gute Laune. Ich meine, die Welt hatte schon immer ihre Probleme. Als ich vielleicht so 20 Jahre jünger war, da konnte man sich aus Politik eigentlich ein Leben lang raushalten. Die machten da irgendeinen Scheiß und das musste einen nicht wirklich interessieren. Jetzt ist das so, dass das viel mehr bis ins Wohnzimmer kriecht. Und da muss man sich nicht wundern, wenn natürlich plötzlich alle Leute eine Meinung haben. Viele sehen da sehr herablassend darauf so nach dem Motto „Was bilden sich die? Alle eine Meinung, die eigentlich gar keine Ahnung haben.“ aber das ist nun mal die Kehrseite der Demokratie, dass alle was zu sagen haben.

Wenn Menschen mit ihren Meinungen nicht zueinander finden, ist es ja oft so, dass beide eigentlich irgendwo einen Punkt haben, wo sie sich einig sind. Das Augenmerk liegt aber immer auf den Unterschieden. Man könnte eine Einigung viel besser erreichen, wenn man guckt: „Wo trennt sich das eigentlich? Wo sind wir noch einer Meinung?“ und „Welche Ansicht ist eigentlich der Grund, weswegen wir auseinanderdriften?“. Das würde ich mir viel öfter wünschen, dass Leute das machen. Aber das macht natürlich keinen Spaß. Man muss sich mit Leuten unterhalten, die nicht der eigenen Meinung sind. Leider sind viele Leute einfach zu faul dazu. Und das Argument „Die, die nicht meiner Meinung sind, denen kann man sowieso nichts beibringen.“, das ist auch ein Trugschluss. Das ist nur ein anderes Wort für „Ich bin nicht der Richtige, um mit denen zu diskutieren.“. Man muss natürlich auch die Fähigkeiten haben, kontrovers, aber trotzdem sachlich zu diskutieren. Ist nicht jedermanns Sache.

moshed.net: Wie stehst du zu Social Media? Gerade auf solchen Plattformen kann man ja wirklich viel Diskutieren. Liest du dir da manchmal Kommentare zu euch durch?

Alf: Ach, manche Sachen lese ich mir schon durch. Wenn wir zum Beispiel ein Video veröffentlichen, lese ich gerne, was die Leute darüber so schreiben. Aber ich vermeide es, die Kommentare zu beantworten. Bis auf ganz kleine Ausnahmen, wo ich vielleicht mal einen „:D“  oder „xD“ hinsetze.

moshed.net: Hat sich dahingehend für dich was geändert im Vergleich zu euren früheren Jahren?

Früher als Band, bevor man überhaupt mit dem, was man gemacht hat, jemanden erreichen konnte, da hatte man so viele Instanzen zu durchgehen. Man hatte ja keine Ahnung von der Welt, also braucht man einen Manager. So, der Manager, der findet einen ja nur dann toll, wenn er der Meinung ist, dass irgendwie eine Plattenfirma das auch cool finden könnte. Und bevor die da nicht ihr OK geben, sagt der Manager natürlich „Was soll ich meine Zeit da verschwenden?“. Also musste sich immer jemand darauf verlassen, dass irgendjemand in einer anderen Instanz es auch gut findet. Und bevor nicht diese ganze Kette geschlossen war, war meistens der erste Schritt überhaupt nicht möglich.

Und jetzt ist das so: Man hat eine Idee und hat heutzutage digital die Möglichkeit ein ganzes Studio mit etwas verminderter Qualität zu ersetzen. Aber man kann Songs einfach mal aufnehmen und eigentlich sofort die ganze Welt erreichen. Man muss natürlich irgendwas haben, was die Leute interessiert. Das war früher aber auch so.

moshed.net: Kurz noch zum aktuellen Album zurück: Was ist für dich dann so ein Song, wo du sagst „Beschäftigt euch mal mehr mit diesem Song!“

Alf: Ich glaube, dass es gibt einen Song, der das unterstreicht, was wir hier gerade angerissen haben, nämlich Sieg der Vernunft. Der handelt ja von der Unfähigkeit der Menschen, mal klar die Standpunkte auseinander zu dividieren, ohne sich die Köpfe einzuschlagen. Hat natürlich sehr viel Spaß gemacht, das genau von der anderen Seite her zu dichten. Ansonsten natürlich meine große Agenda, die Milliardäre. Ich will jetzt nicht wirklich in die Politik gehen, dazu bin ich, glaube ich, sowohl zu alt als auch zu doof. Aber ich denke, es würde wirklich Punkte bringen, sich diesen Gedanken mal öfter auf der Zunge zergehen zu lassen, weil es ist ja heutzutage so, dass oft ein Satz, der zu einer Meinung gehört, oft sofort in den Köpfen einen ganzen Planeten an Verwandtenmeinungen hervorruft und man kann gar nicht so richtig differenzieren. Also wenn ich sage, „Keine Milliardäre“, dann meine ich nicht „Keine reichen Menschen mehr“. Ich glaube, dass ein Mensch, der sich Mühe gibt, der engagiert ist und eine gute Idee hat, der hat auch verdient, damit reich zu werden. Der soll gerne dafür arbeiten, dass er ein Haus hat und ein Boot und ein Pferd und zwei Häuserhat, aber das schafft man auch mit ein paar Millionen. Keine menschenmögliche Leistung rechtfertigt die Anhäufung von Milliarden. Der Sinn von Milliarden ist nicht, sich ein gutes Leben zu machen, sondern bis über seinen Tod hinaus die eigene Macht hundertprozentig garantieren zu können. Und das ist psychopathisch. Ich glaube, es war in den letzten Jahrzehnten, als ich jugendlich war, immer noch allgemeiner Konsens, dass allzu viel Macht in den Händen von wenigen wirklich der Feind der Demokratie ist. Ich bin mir sicher,  dass einige Menschen sich darüber freuen, dass das ein bisschen aus dem Fokus geraten ist.

moshed.net: Fernab den Themen von Heute, reden wir doch mal über euren Meilenstein: 2024 steht das 30-jährige Bandjubiläum an – was sagst du dazu?

Alf: Es ist nicht lange her, da saßen wir zusammen und haben uns unterhalten, weil irgendjemand sagte „War das überhaupt 2024?“ wir sind noch nicht ganz fertig mit dem Streit, aber es sieht ganz danach aus, dass wir uns geirrt haben. Wir haben ja immer gesagt, dass wir uns 1994 gegründet haben. Aber es war Silvester und wir haben erst später gemerkt, dass die Uhr stehen geblieben ist und deswegen kann es sein, dass der eigentliche Gründungszeitpunkt schon 1995 war. Das heißt, wir können eigentlich erst in zwei Jahren feiern.

moshed.net: Gibt es denn dann nächstes Jahr irgendwas zu feiern für die Fans?

Alf: Nö, wir feiern nächstes Jahr ganz groß das 29. und dann brauchen wir das 30. nicht mehr zu feiern.

moshed.net: Wenn auch nicht zum 30., aber gibt es Themen, die du gerne mal als kommendes Album aufarbeiten würdest? Zum Beispiel ein konzeptionelles Science-Fiction Album?

Alf: Da bin ich nicht besonders gut drin. Also ein Song von drei bis fünf bis sechs Minuten Länge, als kompaktes Thema, das liegt mir mehr. Ein ganzes Konzeptalbum hatten wir damals am We Want Mohr (2014) versucht und haben gemerkt, dass das nicht klappt. Es gibt immer eine Idee, wo es vielleicht ein oder zwei Songs gibt, die da richtig passen. Der Rest würde ein Füllwerk sein, was bloß da drin ist, damit das Thema voll ist. Und das ist mir zu schade, weißt du? Deswegen machen wir einfach einen Song nach dem anderen. Ich kann dir noch keine Antwort geben, was da kommt. Die letzte Tour endete im Frühjahr. Ich hab noch ein bisschen faul in der Sonne gelegen. Rein musikalisch sind schon sehr viele Themen da. Textlich bin ich ein bisschen ausgelaugt. Da müssen die nächsten Monate zeigen, worüber ich überhaupt noch schreiben will. Ich hab irgendwie alles gesagt, was ich jemals von mir geben wollte. Aber das hab ich nach dem vorletzten Album auch gesagt. Und deswegen mache ich mir durchaus Hoffnung, dass es ein nächstes Album gibt.

moshed.net: Gibt es denn ein Thema als Song, was dir jetzt gerade im Kopf ist?

Alf: Tatsächlich ja! Aber ich komm da aktuell nicht weiter, aber ich fass mal den aktuellen Stand zusammen: Ich möchte ein guter Mensch sein, das bedeutet, ich muss gut zu Menschen sein. Aber kommt einer an und sagt „Nee, nee, nicht zu allen. Wenn du nämlich gut zu schlechten Menschen bist, dann unterstützt du deren schlechte Taten, bist also auch ein schlechter Mensch.“. Heißt also, ich bin dann ein guter Mensch, wenn ich zu schlechten Menschen schlecht bin. Wenn ich aber ein schlechter Mensch bin, wenn ich zu schlechten Menschen gut bin, dann sind ja auch alle anderen, die eigentlich gute Menschen sind, weil sie zu schlechten Menschen auch gut sein wollen, aber deswegen schlechte Menschen. Also muss ich eigentlich zu der Mehrheit der Menschen schlecht sein, wenn ich wirklich garantieren will, ein guter Mensch zu sein. Und damit habe ich die Essenz des Zeitgeistes getroffen. Ich beiß mir ein bisschen die Zähne daran aus. Sieben Minuten ist auf jeden Fall drin.

moshed.net: Hast du zum Abschluss noch eine Frage, die dir nie gestellt wurde, aber dringend mal gestellt werden sollte?!

Alf: Also die Frage, die mir noch nie gestellt wurde, die ich mir immer gewünscht habe, ist: „Sag mal, wie ist eigentlich deine Kontonummer, falls dir jemand mal eine Spende geben will?“ die ist 3016….

Wir bedanken uns herzlich bei Alf für dieses wundervolle Interview.

Fotocredit: datzphotography

Alex Hoppen

Alex Hoppen

Denkt er wäre der Administrator, fährt Smart, mag Enten, Guitar-Hero-Profi, putzt Bier mit Zähnen – oder umgekehrt?, cheated bei Pokémon Go, speifrei seit 2014, Erste-Reihe-Milchtrinker aus Überzeugung und liebt Katzenbilder.