Anfang des Jahres haben Anti-Flag ihr neues Album „Lies They Tell Our Children“ veröffentlicht, welches sie aktuell auf Festivalrutsche nehmen. Beim diesjährigen Vainstream Festival haben wir die Zeit genutzt um uns mit Drummer Pat Thetic (Patrick Bollinger) an einem der rar gesäten Schattenplätze zu treffen und uns über seltsame Autogrammwünsche, Hippie-Rituale und eine Menge Wasser zu unterhalten.

Moshed.net: Danke dir für deine Zeit. Euer Set war heute ja super früh, schon um 12:45 Uhr musstet ihr auftreten, wie war das für euch?

Pat: Nicht sehr Punk. Aber irgendwer muss ja so früh spielen. Aber es waren einige Leute da – bei diesem Festival wissen die Leute ja auch, dass es so früh startet.

Moshed.net: Stimmt, ich musste auch um 8 Uhr aufstehen um pünktlich hier zu sein.

Pat: Rock’n’Roll sollte echt nicht so früh stattfinden. (lacht)

Moshed.net: Ihr hattet heute auch schon eine Autogrammstunde, was war das seltsamste was du heute unterschreiben musstest?

Pat: Ein pinker Hut. Das war aber gar nicht so seltsam. Die Leute sind ruhiger geworden – vor einigen Jahren wurden wir noch gefragt alle möglichen Körperteile zu unterschreiben und ich hab für mich schnell die Regel aufgestellt, dass ich keine Körperteile mehr unterschreiben möchte. Das eliminiert viele seltsame Autogrammanfragen. Aber sonst unterschreibe ich quasi alles.

Moshed.net: Was ist das schlimmste was du jemals unterschreiben musstest?

Pat: Zigarettenpackungen. Ich hasse es die zu unterschreiben. Eure Drogen unterschreibe ich wegen mir, aber bitte keine Kippen.

Moshed.net: Ab von euren Sets und der Autogrammstunde, wie versucht ihr mit euren Fans in Kontakt zu bleiben?

Pat: Erstmal muss ich sagen, dass ich den Begriff Fans überhaupt nicht mag – ich sag lieber einfach Leute die zu unseren Shows kommen und unsere Musik hören. Ich versuche einfach während den Shows den Kontakt herzustellen – einige der anderen Bandmitglieder versuchen es auch über Social-Media, aber ich mag das einfach nicht, für mich reichen die Shows vollkommen. Weil wir sind beide da und haben etwas das uns verbindet und erleben das gleiche.

Moshed.net: Das leitet mich quasi direkt zu meiner nächsten Frage – einige der Leute die eure Musik hören, waren noch nichtmal geboren, als ihr angefangen habt Musik zu machen. Wie versucht ihr vor allem junge Leute zu erreichen, die bekanntlich sehr viel auf Social-Media abhängen?

Pat: Das ist mir ehrlich gesagt egal. Ich spiele Musik, die Themen behandelt, die mir sehr wichtig sind und das auf hoffentlich eine sehr passionierte und ehrliche Art und Weise und ich hoffe, dass das reicht um die Leute zu kriegen, egal ob sie jung oder alt sind. Und wenn das nicht so ist, dann ist das auch okay für mich. Aber die die es kriegt, sind auch genau die Menschen die ich um mich rum und bei den Shows möchte – Aktivist:innen, Künstler:innen – um gemeinsam gegen Weirdos vorzugehen. Wenn die die Musik mögen reicht das für mich.

Moshed.net: Also hast du nicht das Gefühl, dass ihr mehr machen müsst? Viele Bands gehen heutzutage ja sehr in der Social-Media-Welt auf.

Pat: Einige dieser Sachen machen wir ja auch. Aber für mich ist es einfach nicht so interessant. Manchmal machen wir auch Videochats mit Leuten, oder Anfang des Jahres hatten wir Akustik-Sessions im kleinen Rahmen. Die finde ich auch echt super – da muss ich nicht spielen und sehe die Songs mal in einem anderen Licht, ohne dass ich auf dem Schlagzeug rumhaue.

Moshed.net: Wo wir gerade schon bei den Songs sind – ihr habt Anfang des Jahres euer neues Album „Lies They Tell Our Children“ veröffentlicht. Inspiration für die Songs zu finden kann bei dem Zustand unserer Welt nicht so schwer sein, aber was ist eine Sache die dir Hoffnung gibt?

Pat: Die Shows geben mir Hoffnung. Weil Leute zusammenkommen und einen Ort suchen an dem sie nicht verurteilt oder ausgegrenzt werden für das was sie sind, egal was ihre Sexualität, ihr Aussehen oder was auch immer ist. Wir haben sehr viel Glück, weil wir um die Welt reisen und auf den Konzerten viele Leute treffen, die irgendwie versuchen etwas zu verändern. Und so viele verschiedene Leute aus verschiedenen Orten zu sehen, egal wie unterschiedlich die Kämpfe auch sind, die sie kämpfen, aber sie kämpfen alle im großen Sinne dafür die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das zu sehen gibt mir viel Hoffnung. Wir sind aber auch in einer sehr einzigartigen Position das zu tun. Das ist auch super. Unsere Leben bestehen natürlich daraus mit genau diesen Leuten zu interagieren.

Moshed.net: Auf der Welt finden momentan auch viele Demonstrationen und Proteste statt – gibt es da einen Ort an dem ihr noch nicht gespielt habt, an dem ihr gerne spielen und euch beteiligen würdet?

Pat: Ich würde gerne mal im Vatikan spielen und diesen ganzen Kinderfickern sagen, dass sie sich verpissen sollen. Wenn man Missbrauch so institutionalisiert, ist das einfach super abgefuckt. Diese Leute müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Moshed.net: Wo wir gerade schon beim Thema Machtmissbrauch sind – habt ihr die neuesten Vorwürfe gegen Rammstein gehört?

Pat: Ich habe ein paar Sachen dazu aufgeschnappt, aber ich hab mit denen wirklich gar nichts zu tun, deswegen hab ich es bisher links liegen gelassen.

Moshed.net: Kommen wir auch lieber zurück zu positiven Erfahrungen mit anderen Musiker:innen – Ingo von den Donots hat euch heute auf der Bühne unterstützt und ihr habt in den vergangenen Jahren mit einem Haufen anderen Musiker:innen Songs aufgenommen. Wie sind die Pläne irgendwann mit allen mal zusammen zu spielen?

Pat: Ich würde das super gerne mal machen, aber es ist super schwierig zu planen, weil alle Terminkalender so voll sind. Aber das wäre echt cool, wenn das irgendwann klappen würde.

Moshed.net: Ihr seid gerade natürlich auf eurer Festivalrutsche unterwegs und habt euer Album releast vor einigen Monaten, aber gleichzeitig ist dieses Jahr auch euer 30. Bandjubiläum. Gibt es da irgendwelche Pläne das zu feiern?

Pat: Nicht, dass ich wüsste zumindest (lacht). 30 ist irgendwo ja auch nur eine weitere Nummer und es fühlt sich gar nicht so besonders an. Vielleicht gibt es ein paar Sachen die geplant sind, aber ich wurde wenn bisher noch nicht eingeweiht.

Moshed.net: Wo wir aber bei Jubiläen sind, eure erste Deutschlandtour ist mittlerweile auch 20 Jahre her. Damals wart ihr auch mit den Donots unterwegs, was würdest du sagen ist die größte positive Veränderung in den letzten 20 Jahren?

Pat: Die Donots sind auf jeden Fall um einiges größer als damals. Und wir auch. Im politischen Sinne wurde die gleichgeschlechtliche Ehe in den USA erlaubt und die Leute sind insgesamt toleranter gegenüber Transsexuellen geworden. Im negativen Sinne gab es aber auch eine Menge unnötige Tode und Kriege. Aber sonst sind viele Sachen auch einfach gleich geblieben.

Moshed.net: Wie hat sich das Touren verändert?

Pat: Man kriegt überall veganes Essen! Als wir jünger waren, hatte man gar keine Chance was veganes zu bekommen, heutzutage geht das in jedem Restaurant.

Moshed.net: Also ist das Festivalcatering auch ganz in Ordnung heutzutage?

Pat: Ne, das ist echt okay. Wir sind schon zufrieden wenn wir überhaupt irgendwas zu essen bekommen.

Moshed.net: Was ist eine Sache die ihr auf eurem Rider haben müsst?

Pat: Wasser. Es ist echt witzig, in unserem Rider steht „Ihr denkt vielleicht, dass das sehr viel Wasser ist. Aber wir brauchen das wirklich.“ Wir brauchen wirklich so 6 Kisten Wasser. Und die Sache ist, wenn du einige Jahre lang um die Welt tourst, merkst du welches Wasser das beste ist und welches echt ekelhaft ist. Man wird zum Wasser-Experten. Es gibt so kanadische Wasser, das ist echt ekelig, das schmeckt nach Salz und man kann es quasi in seinen Zähnen fühlen. Und ich will einfach nur gutes Wasser und kein Hippie-Gedöns.

Moshed.net: Und welches Land hat das beste Wasser?

Pat: Österreich. Und die Schweiz. Eindeutig.

Moshed.net: Ab vom schlechten Wasser – was ist das schlimmste daran in einer Band zu sein?

Pat: Die simple Antwort ist, dass man viel von der Familie weg ist. Auf der anderen Seite passiert es in unserem Universum einfach sehr häufig, dass man in seine eigenen Schranken gewiesen wird. Man weiß vor Shows nie was passieren wird, oder allgemein was passieren wird – es können einen schon so Kleinigkeiten wie eine nicht funktionierende Klimaanlage oder irgendwelche Probleme mit dem Sound wieder zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Es gibt immer irgendwas wo man sich denkt „ah, das wird heute also beschissen sein“, aber man durchsteht es dann auch einfach. Nach 30 Jahren ist man die meisten Sachen aber auch gewohnt. Das ist auch das schöne an den Leuten um uns rum, wir versuchen alle immer alles, um Probleme zu lösen und irgendwie finden wir immer eine Lösung.

Moshed.net: Also gibt es kein Drama hinter den Kulissen?

Pat: Zumindest so wenig Drama wie es irgendwie möglich ist. Aber ein bisschen gibt es immer. (lacht)

Moshed.net: Dann schieben wir den Gegensatz direkt hinterher – was ist die beste Sache daran in einer Band zu sein?

Pat: Die Möglichkeit zu haben mit verschiedenen Menschen auf den ganzen Welt zu der gleichen Sache zu connecten. Durch die Musik. Und das nicht nur wenn wir selbst auf der Bühne stehen, sondern auch wenn wir uns andere Bands anschauen. Gestern haben wir uns in Paris Ho99o9 gesehen und das war grandios. Auch wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, verbindet Musik Menschen einfach auf eine ganze besondere Art und Weise. Es geht wirklich für mich nicht nur darum selbst auf der Bühne zu stehen, vor allem weil man im Großen und Ganzen nur einen Bruchteil des Tages selbst da oben steht. Also hat man viel die Möglichkeit mit anderen Menschen zu connecten, die die gleichen Werte wie man selbst teilt.

Moshed.net: Wer ist dein Lieblingsnewcomer momentan, den die Leute vielleicht noch nicht kennen?

Pat: The Homeless Gospel Choir. Das ist ein Typ aus Pittsburgh, er ist auch bei unserem Label und einfach ein rundherum toller Typ, ein toller Musiker und ein toller Songwriter.

Moshed.net: Welchen Rat würdest du jungen Musiker:innen geben, die ihre Karriere gerade erst beginnen?

Pat: Wenn du es liebst Musik zu machen, wirst du einen Weg finden um es irgendwie zu schaffen, wenn du es nur aus anderen Gründen machen willst, wirst du einen Weg finden, etwas anderes zu machen. Wenn du am Ende als einziger da stehst und immer noch Musik machen willst, auch wenn dich alle deine Bandkollegen verlassen haben, musst du kreativ werden.

Moshed.net: Um zum Abschluss zurück zur Show zu kommen – ihr bekommt vermutlich einen Haufen Fragen dazu was euer Pre-Show-Ritual ist, aber was ist eigentlich euer Post-Show-Ritual?

Pat: Das ist so richtiger Hippie-Bullshit. Ich glaube, das hab ich auch noch nie jemandem erzählt, aber ich bin ein Buddhist im sehr lockeren Sinne und die haben diese Sache, wo sie ihre Verdienste miteinander teilen und das mache ich nach einer Show immer mit den anderen. Wenn mir irgendwas auf der Bühne aufgefallen ist, was besonders gut war oder wo die Energie von einer Person auf die andere übergesprungen ist. Ziemlicher Hippie-Quatsch, aber eine schöne Tradition.

Moshed.net: Das klingt wirklich sehr liebenswert. Und das war’s auch schon von meiner Seite – an dieser Stelle bleibt dir noch die Chance für ein paar abschließende Worte.

Pat: Startet eine Band!

Foto: Josh Massie

Nicola

Nicola

Die Indie-Ansprechpartnerin eures Vertrauens, häufiger auf Konzerten als in der Uni zu finden, besteht zu 90% aus Tee, meistens mit Kopfhörern in den Ohren, professionelle 1. Reihe Sprinterin.