Blond beweisen mit ihrem neuen Album „Perlen“ vor allem wieder eines: sie haben es einfach drauf, eingängige Hymnen über Sexismus, Weltschmerz und mentale Probleme zu schreiben. Das lädt vom ersten Moment an so sehr zum Tanzen und mitgrölen ein, dass man die Message fast vergessen könnte – aber eben nur fast. Nahezu simpel beginnt „Perlen“ mit einer Hommage an die größten weiblichen Vorbilder des Trios aus Chemnitz: während sich in den frühen 2000ern größtenteils männliche Boybands die Chartspitzen teilten, tauchten ab einem gewissen Zeitpunkt auch Frauen im musikalischen Bewusstsein von Nina und Lotta Kummer und Johann Bonitz auf, die den Traum von einer eigenen Musikkarriere beflügelten. Mit Referenzen zu den größten Hits von LaFee, Silbermond und Wir sind Helden liefert „Durch die Nacht“ eine packende Indie-Hymne, bevor Blond im nachfolgenden „Männer“ einiges an Tempo aufnehmen. Der Song ist eine bombastische feministische Kampfansage, der sich mit der unzufriedenstellenden FLINTA*-Quote im gesamten Musikkosmos auseinandersetzt – insbesondere den von Männern dominierten Festival Line-ups.

Im weiteren Verlauf von „Perlen“ bekommt dann auch so ziemlich jeder sein Fett weg: „oberkörperfrei“ überrascht mit Rap-Ambitionen und verteilt eine ordentliche Runde Backpfeifen an alle, die auch im Jahr 2023 ihren Fleischkonsum noch nicht überdenken. Für „Du und Ich“ wurde das Fuzz-Pedal entstaubt und eine groteske Liebesgeschichte über all diejenigen Exemplare des männlichen Geschlechts erzählt, die die Grenzen von weiblich gelesenen Personen nicht respektieren wollen. Apropos skurrile Liebesgeschichte: „mein boy“ spielt mit der Romantisierung der Beziehung zum eigenen Therapeuten. Denn auch mentale Probleme werden von Blond in ihrem zweiten Album direkt mehrfach angesprochen: mit „immer lustig“ liefert das Trio eine melancholische Ballade über den inneren Kampf mit sich selbst – während die Fassade nach außen hin gehalten wird, schleicht sich die innere Leere in den unpassendsten Momenten heran und übermannt einen. Ein Best-Of-Chemnitz gibt es dann auch noch in „Ich sage ja“, das gemeinsam mit Power Plush entstanden ist: eine weitere Feminismus-Hymne, die erneut ein Licht auf die Missstände wirft, die weiblich gelesene Personen heute noch über sich ergehen lassen müssen: Marginalisierungsaufklärung in Power-Pop-Optik: „Ich sage ja/ Ich bin brav/ Nimm alles hin/ Denn ich bin ein hübsches Mädchen.“

Thematisch sprechen Blond auf ihrem zweiten Album zwar die gleichen Bereiche an, wie auch auf ihrem Debüt „Martini Sprite“ (2020), was jedoch nur erneut beweist, dass keines der Themen in den vergangenen Jahren an Relevanz verloren hat. Dennoch lässt sich in „Perlen“ eine eindeutige musikalische Weiterentwicklung finden, die Blond in den nächsten Jahren einen hoffentlich höheren Rang auf den Festivalplakaten dieses Landes garantieren sollte. Müsste man „Perlen“ in drei Worten zusammenfassen, wären diese schnell gefunden: Dramatisch. Poppig. Gut.

Perlen erscheint am 21.04. via Betonklunker Tonträger und kann in verschiedenen Varianten vorbestellt werden.

Foto: Anja Jurleit

Nicola

Nicola

Die Indie-Ansprechpartnerin eures Vertrauens, häufiger auf Konzerten als in der Uni zu finden, besteht zu 90% aus Tee, meistens mit Kopfhörern in den Ohren, professionelle 1. Reihe Sprinterin.

8.3

Sound

8.5/10

Konzept

7.5/10

Hörspaß

8.5/10

Atmosphäre

8.5/10